
Wir sind in Marienburg angekommen. Beim Blick aus dem Fenster fällt uns das Haus sofort auf. Es steht direkt vor dem Hotel. Es ist groß und im Vergleich zur restlichen Umgebung vergleichsweise alt. Man kann das Haus als imposant bezeichnen. Es ist die ehemalige Villa von Arnold Flatauer. Wer ist dieser ominöse Arnold Flatauer? Seine Mutter ist Sara Flatauer geborene Conitzer. Sie ist die Schwester von den Gebrüdern Conitzer, die zuerst das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne in Marienwerder gründeten und später auch das Kaufhaus in Marienburg. Arnold Flatauer, der Neffe von den Gebrüdern Conitzer, wurde zum Geschäftsführer und später auch zum Eigentümer des Kaufhauses in Marienburg. Die Villa in der Innenstadt war sein Zuhause. Das Haus beherbergt jetzt das Stadtmuseum von Marienburg (polnisch: Malbork).

Wir frühstücken kurz und besuchen dann Arnold Flatauer in seiner Villa. Er hängt mit anderen berühmten Bewohnern Malborks an der Treppe zum 1. Stock. Im 1. Stock ist das Büro des Direktors, der heute leider im Urlaub ist. Die Dokumente und Ausstellungsstücke zum Kaufhaus Conitzer sind ebenfalls auf Geschäftsreise und halten sich gerade in Warendorf auf. Dort sollen sie Hauptdarsteller einer Ausstellung zum „Jüdischen Leben in Westpreußen“ werden. Die Ausstellung wird am 5. November 2026 eröffnet. Wir haben uns den Termin notiert. Trotzdem heißt uns Arnold Flatauer erst einmal willkommen.

Er erzählt uns seine Lebensgeschichte. Wir lassen die künstliche Intelligenz aus dem Polnischen übersetzen und lernen Arnold Flatauer erst einmal kennen.

Arnold Flatauer wurde am 23. Oktober 1874 in Świętno (Schwenten) als Sohn von Lesser Flatauer (1844–1922) und Sara Flatauer, geb. Conitzer (1853–1922), geboren. Nach Malbork (Marienburg) kam er an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, um den Posten des Direktors des großen Kaufhauses „Conitzer & Söhne“ zu übernehmen, einer Handelskette, die von seinem Großvaktor Moses Conitzer gegründet und von seinen Onkeln geführt wurde. Das neue Geschäft in den Hohe Lauben 21/22 (Wysokie Podcienia in der Altstadt) eröffneten sie im Jahr 1900.
1905 heiratete Arnold Margarethe, geb. Littauer. Ihre Kinder Heinz und Gerda kamen 1907 bzw. 1909 zur Welt. Die Familie Flatauer bewohnte eine charmante Villa in der Langgasse (heute T.-Kościuszki-Straße 54). Dieses zweistöckige, klassizistische Gebäude ist heute der Sitz des Museums der Stadt Malbork.
Er engagierte sich aktiv im gesellschaftlichen Leben der Stadt, war Stadtrat und Arbeitgeber und genoss großes Ansehen bei den Einwohnern. Er war zudem ein sehr geschätztes Mitglied der seit 1351 bestehenden Schützengilde, die er über Jahre hinweg mit großem Einsatz unterstützte. Als aktives Mitglied der Schützengilde gab er 1928 im Namen von Reichspräsident Paul von Hindenburg einen treffsicheren Schuss ab und wurde zum Ehren-Schützenkönig von Marienburg ernannt.
Flatauer scheute sich nicht vor wohltätiger Arbeit. Während der großen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit finanzierte er das Essen für Schulkinder. 1931 leitete er eine Aktion zur Schulausspeisung, und im Jahr darauf stiftete er die komplette Ausstattung für die neu errichtete Turnhalle an der Großen Geistlichkeit (heute J.-Piłsudski-Straße).
1924 kaufte er das Kaufhaus an den Hohe Lauben und wurde damit zum Alleineigentümer. Zwei Jahre später eröffnete er eine Filiale an der Kreuzung Deutsch-Ordens-Straße und Große Geistlichkeit (heute 17. Marca und J. Piłsudskiego).
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde die Familie von Arnold Flatauer, wie viele andere Menschen jüdischer Herkunft auch, brutalen Vernehmungen unterzogen. Flatauers Sohn geriet in Haft. Diese erschreckende Erfahrung war Grund genug, die Heimat zu verlassen.
Die Flatauers beschlossen, Malbork zu verlassen und nach Berlin zu ziehen; an der Wende von 1938 zu 1939 emigrierten sie nach São Paulo in Brasilien. Seine Tochter Gerda Bergheim (1909–1981) ging nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten und starb in New York. Ihr Sohn Heinz (1907–1987) blieb in Brasilien, während seine Frau Helga nach Deutschland zurückkehrte und 2011 starb.
Die Immobilien von Arnold Flatauer in Malbork wurden 1937 für 660.000 Reichsmark an die Firma „Hille & Co.“ verkauft, die Herbert Hille gehörte. Arnold Flatauer starb am 18. Februar 1964 im Alter von 90 Jahren. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in São Paulo beigesetzt.Aus dem Polnischen übersetzt mit Hilfe der künstlichen Intelligenz, Quelle: zbiory Muzeum Zamkowego w Malborku
Die Mitarbeiter des Museums sind unglaublich hilfsbereit und freundlich. Wir bekommen sogar eine Schachtel des einmaligen Malborski Marcepan geschenkt. Im Erdgeschoss des Museums lernen wir die Geschichte des Alkohols, ehemaliger Gaststätten und Produktionsstätten aus Marienburg kennen. Überall sind die Bilder des alten Marienburgs ausgestellt. Besonders gut gefällt mir dieses Bild (siehe unten), denn es zeigt das alte Stadttor und die Altstadt vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Stadttor war der Eingang zur Altstadt. Trat man ein, dann befanden sich auf der linken Straßenseite die „Hohe Lauben“ und auf der rechten Seite die „Niederen Lauben“. Obwohl es eine Straße war, hatten die Gebäude unterschiedliche Adressen. Das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne war das größte Gebäude der „Hohen Lauben“. Nur der Turm das Rathauses gegenüber war höher. Über der Altstadt thronte natürlich die Marienburg. Leider wurde die Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut. Nur das alte Rathaus steht heute noch. An der Stelle der Altstadt stehen jetzt gewöhnliche Mietshäuser. Auch das ehemalige Gebäude des Kaufhauses M. Conitzer & Söhne steht nicht mehr.

Im Keller des Stadtmuseums befindet sich eine Ausstellung zur Geschichte Marienburgs im Zweiten Weltkrieg. Es ist vor allem eine Geschichte der Zerstörung. Die letzten Tage der deutschen Geschichte Marienburgs werden erzählt. Leider kam die Kapitulation der letzten Truppen des Deutschen Reiches in Marienburg nicht in Frage. Der aussichtslose Kampf wurde weitergeführt und so wurde nicht nur das Leben vieler Menschen sondern auch die Altstadt Marienburgs zerstört.

Die Familie Flatauer war, wie oben erwähnt, schon vorher aus Marienburg geflüchtet. Erstaunlicherweise blieb die Villa der Familie erhalten und steht noch heute, so schön wie damals, an derselben Stelle. Vor dem Stadtmuseum hatte sich die kommunistische Partei Polens die Villa als Sitz in Marienburg ausgesucht. Offensichtlich gefiel die Villa der Familie Flatauer allen Menschen sehr gut. Sogar die Kommunisten fühlten sich in der bürgerlichen Umgebung wohl.

Zum Schluß erinnern wir uns noch an Margarethe und Arnold Flatauer. Ich hänge noch einen Gruß aus Sao Paulo an. Es ist ein Familienfoto, das die weite Reise von Sao Paulo, Brasilien über La Paz, Bolivien und Hamburg, Deutschland bis nach Marienburg, Polen geschafft hat.

Der Besuch bei Familie Flatauer im Stadtmuseum Malbork war so interessant, dass wir fast unser Mittagessen vergessen hätten. Hungrig und erschöpft schleppen wir uns zur Marienburg. Mit letzter Kraft schaffen wir es ins Restaurant in der Burg. Wir trinken nach dem Essen noch einen Kaffee und fühlen uns stark genug, die Marienburg zu besichtigen. Leider war sie bereits geschlossen. Diesen Teil der Reise müssen wir also verschieben.
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