
Wir fahren mit unserem Auto durch Polen und besuchen die Kaufhäuser der Familie Conitzer. Unser erster Halt ist in Bydgoszcz. Dort gab es ein Kaufhaus von M. Conitzer & Söhne. Wir haben uns in das Hotel auf der anderen Straßenseite eingebucht. Kaum sind wir im Zimmer angekommen, stürmen wir zum Fenster und schauen auf das Haus auf der anderen Straßenseite.
Meine Frau lehnt sich aus dem Fenster. Sie schießt noch ein Foto aus einem anderen Winkel. Bei Fotos ist sie eine Perfektionistin. „Stimmt gar nicht“, sagt sie, „ich will einfach nur gute Fotos machen.“ „Sage ich doch.“ entgegne ich. Wir stehen staunend in unserem Zimmer im Hotel Focus in Bydgoszcz. Das ehemalige Kaufhaus M. Conitzer & Söhne liegt direkt gegenüber. Wir rufen uns die Entdeckungen zu. Es sind so viele Details zu erkennen. Es ist fast wie damals, als sich die Tür des Wohnzimmers öffnete und die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen.

Unsere Blicke gehen zuerst auf die Darstellungen der antiken Göttinnen direkt über dem Eingang. Es sind insgesamt vier: Aphrodite, Eris, Athena und Hera . Man sieht sie deutlich auf den nächsten Fotos.




Das Kaufhaus wurde 1910 von dem Berliner Architekten Otto Walter gebaut. Die Finanzierung kam von Rudolf, Alexander und Nathan Conitzer. Vorbild waren die Kaufhäuser der Familie Wertheim in Berlin oder Stralsund. Am 4. Oktober 1911 öffnete das Kaufhaus die Türen für die Kunden. Die Menschen strömten in das moderne Kaufhaus und staunten über die Innenarchitektur. In der Decke waren Glaselemente verbaut, die das Tageslicht in den Verkaufsraum leiteten. Es gab einen Fahrstuhl, der die vier Stockwerke miteinander verband. Imposante Treppen führten in die oberen Stockwerke. Ansonsten war das Innere eher einfach und funktional eingerichtet, damit die Ware glänzte und nicht das Kaufhaus. Der Eingang deutete durch die Vielzahl der Göttinnen an, dass man einen Konsumtempel betrat. Im Erdgeschoss gab es Seide, Leinen und Baumwollartikel, Kleidung, Schürzen, Wolle, Handschuhe, Strumpfhosen, Regenschirme und Spitze. Im ersten Stock sah man Hüte, Schuhe und Kleidung für Jungen und Männer. Der zweite Stock gehörte den Mädchen und Frauen. In den Auslagen faden sich Kleider, Blusen, Röcke und Korsetts. Im dritten Stock führte das Kaufhaus Teppich, Gardinen, Möbel Stoffe, Linoleum Leder und Betten. Im vierten Stock waren die Arbeitsplätze und Studios der Schneider und Schneiderinnen .
Wir haben im Hotel ein altes Bild gefunden. Es hängt in einem Hinterzimmer an der Wand. Hier sieht man das Kaufhaus, als es noch M. Conitzer & Söhne hieß. Der Schriftzug unter den vier Göttinnen ist deutlich zu erkennen.

Die Dame an der Rezeption erzählt uns noch, dass vor einiger Zeit im Kaufhaus ein Night Club gewesen sei, der jetzt wieder geschlossen sei. Die Dame ist darüber froh, denn viele Gäste des Hotels hätten über den nächtlichen Lärm geklagt. Wir schliefen ohne Night Club sehr gut. Die Strassenbahn hat uns am Morgen angenehm geweckt. Außerdem sagt sie noch: das Kaufhaus sei in Bydgoszcz unter dem Namen „Jedynak“ bekannt. Damals war es ein Einkaufszentrum mit vielen kleinen Geschäften. Wir bedanken uns für die Auskunft und gehen für einen letzten Drink in die Bar.
Ich finde auf dem Tisch in der Bar noch einen Zettel mit der Geschichte unseres Hotels. Es hiess früher „Zum Adler“ und öffnete im Jahr 1896 – 14 Jahre bevor der erste Stein des Kaufhauses gelegt wurde. Ich bin überzeugt Rudolf, Alexander oder Nathan Conitzer werden sich hier in der Bar getroffen haben. Die Pläne des Architekten auf dem Tisch liegend, sehe ich die Brüder diskutieren. Später werden sie die Rechnungen geprüft haben, während auf der anderen Strassenseite die Arbeiter Schubkarre über Schubkarre Baumaterialien in das Gebäude brachten. Es wird eine Sensation, wird Rudolf gerufen haben. Wir spüren die Begeisterung immer noch, wenn wir auf das Gebäude blicken. Das Gebäude versprüht eine Wucht, der wir uns schwer entziehen können. Es hat natürlich ein wenig an Anziehungskraft verloren. Es ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen und das Rossmangeschäft haut uns auch nicht aus den Socken. Die Begeisterung der Gebrüder Conitzer fühlen wir trotzdem in unserem Zimmer auf der anderen Strassenseite.
Die Brüder Conitzer betrieben das Kaufhaus bis Anfang 1922. Danach wechselte das Kaufhaus immer wieder den Besitzer und hieß „Chudzinski & Maciejekski“, „Be-De-Te“ oder DTC „Jedynak“ . Im Gebäude ändert sich auch jetzt wieder etwas. Wir haben gehört, dass im Erdgeschoss ein Café einziehen soll. Die Wände zieren schon Bilder aus der Vergangenheit des Gebäudes. Allerdings steht noch eine Leiter in der Mitte des Raumes und überall stehen noch Kartons. Die Eröffnung wird also noch etwas dauern. Wir sind leider zu früh gekommen. Falls jemand in den nächsten Monaten nach Bydgoszcz reist, würden wir uns über Bilder des Inneren sehr freuen.