Stolpersteinverlegung in Tangerhütte

Die Sonne scheint. Die Rede ist geschrieben. Wir sind gut vorbereitet auf die Stolpersteinverlegung in Tangerhütte. Während der Fahrt aus Hamburg hat meine Frau geübt, hat uns ihre Rede vorgelesen und Wörter, besser ganze Sätze, gestrichen und wieder hinzugefügt. „Die Rede ist gut. Ich würde alles so lassen.“, sage ich ihr.

Zum Glück sind Evelyn Benze und Albrecht Will noch besser vorbereitet als wir. Die Schüler der Wilhelm-Wundt-Schule stehen schon vor dem Kaufhaus, als wir ankommen. Die Aufregung sieht man ihnen nicht an. Sie werden gleich die Geschichte der ehemaligen Bewohner des Hauses an der Bismarkstrasse 20 vortragen. Ganz sicher haben sie geübt, denn sie stehen da wie die Profis vom MDR, die alles mit der Kamera verfolgen.

Stolpersteine vor der Verlegung, Foto: Sven Heine

Die Stolpersteine glänzen im Sonnenschein. Sie stehen auf einem Tisch vor der Menora. Es gibt Bilder des Hauses von früher, als es zuerst „Berliner Warenhaus“ hieß und dann „Conitzer & Co“. Ich schaue an der Fassade hoch. Die Sonne strahlt auf das Dach und unsere Köpfe. Der blaue Himmel umrahmt die Menschen, das Haus und die Stolpersteine. Es haben sich schon einige Menschen versammelt. Wir sind nicht zu übersehen. Das Gebäude, vor dem wir stehen, hat schon bessere Tage erlebt. Leider bekommt es an den restlichen Tagen des Jahres nicht so viel Aufmerksamkeit wie heute, das sieht man ihm an.

Kaufhaus, das mehr Aufmerksamkeit braucht, Foto: Valentina Holt

Heute redet erst einmal der Schulleiter, Herr Groß, der Wilhelm-Wund-Schule. Er kann sehr gut reden und findet leicht die richtigen Worte. Er spricht davon, dass wir besser die Liebe und Versöhnung sprechen lassen und nicht die Gewalt. Vor allem sollten wir uns daran erinnern unseren Mund zu nutzen und miteinander zu reden, dafür ist er schließlich da. Der Bürgermeister, Herr Brohm, spricht danach und auch der Pfarrer, Herr Rost. Beide unterstreichen die Worte des Schulleiters. Die anderen 40% der Bewohner Sachsen-Anhalts sollten diesen Reden zuhören. Es lohnt sich. Augen rollen, Kopf schütteln oder schweigsam wegschauen, bringen uns nicht weiter. Allen sei auch nochmal in Erinnerung gerufen, dass die Stolpersteine weder von der Stadt noch vom Staat sondern durch Spenden bezahlt werden. An dieser Stelle gilt der Dank dem Heimatverein Tangerhütte und insbesondere Albrecht Will und Evelyn Benze.

Es muss auch der hervorragende Vortrag eines Nachfahren von Gerhard Lohde gelobt werden, der einen Bogen spannt von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die heutige Zeit. In der sich ein Lehrer in Stendal einem Disziplinarverfahren stellen muss, weil er seine eigene antifaschistische Ansicht auf Nachfrage teilte und die Demokratie verteidigte. Viel Glück Max Heckel bei der Verhandlung!

Dann kommt der große Auftritt der Schüler. Jeder hält seine schwarze Mappe mit dem Text fest in der Hand, und die Schüler schaffen es den Stolpersteine wieder Leben einzuhauchen. Schauen sie hier: Martha Heimannsohn. Eine mutige Frau, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts alleine ein Kaufhaus führte. Ihr Bruder Julius Heimannsohn unterstützte, Martha führte. Ich sehe sie vor meinem Auge, wie sie uns die Tür ihres neuen Kaufhauses öffnet und alle hereinbittet. Sie ist stolz auf ihr Geschäft, denn es ist neu und schön. Die Tangerhütter konnten sich einen Einkauf lang als Berliner fühlen. Später, es brauchte schon einen Krieg, um sie vom Weg abzubringen, musste sie das Haus leider verkaufen. Aber sie gab nicht auf und gründete mit 3.000 Mark ein neues Geschäft. Es führte Kaffee und Schokolade, das assen auch die feinen Leute in Berlin.

Schaubild für die Familien Heimannsohn und Arendt, Foto: Sven Heine

Die nächste Gruppe Schüler tritt nach vorne und stellt die Familie Arendt vor. Sie berichten von den Innovationen des Kaufmanns Nathan Arendt und seinen Busfahrten auf die Dörfer im Umland Tangerhüttes. Ich höre in meinem inneren Ohr ein lautes „Brrr!“ von der Strasse herüber schallen. Nathan Arendt hält vor seinem Kaufhaus mit dem neuen Pferdekutschenbus. Heraus steigen die Bewohner der Dörfer rund um Tangerhütte. „Wer hier einkauft, fährt umsonst zurück“, ruft er noch in die Menge und hält die Tür des Kaufhauses zum Eintreten offen. Wir staunen. Im Kaufhaus steht schon seine Frau Martha und sein Sohn Hans Arendt bereit. Margot ist leider nicht zu sehen. Sie sitzt in ihrem Zimmer. Dafür kommt die künftige Frau Susanne Arendt um die Ecke und heisst die Kunden willkommen im neuen Kaufhaus Conitzer & Co.

Am Ende stellen die Schüler Gerhard Lohde vor.  Er kam aus Liebe zu seiner Frau nach Tangerhütte. In Berlin hatten sie sich kennegelernt. Ich sehe ihn auf der anderen Strassenseite stehen und winken. Seine Frau, die ehemalige Frau Kupferschmidt, hat sich bei ihm eingehakt. Wir sollen noch bei ihm vorbeikommen, ruft er und geht schon die Strasse hinunter Richtung Bahn. Wir gehen alle zusammen 10 Minuten später hinterher in die Schillerstraße.

Der Vortrag der Schüler wirkt. Meine Frau ist in Gedanken bei ihrer Familie und ihr laufen ein paar Tränen die Wange herunter. Es wird von der Ermordung in Ausschwitz, Treblinka und Riga gesprochen. Es gehört zur Geschichte dieser Menschen, dass sie in Tangerhütte ausgegrenzt wurden. Ihnen wurde das Leben zur Hölle gemacht, Herr Lohde starb erschöpft von der schweren Arbeit, zu der er gezwungen wurde. Martha Heimannsohn starb alleine in ihrer Wohnung. Ihr Bruder Julius wurde nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Nathan Arendt starb in der Anonymität Berlins, während seine Frau Martha ebenfalls nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet wurde. Margot Arendt starb in Riga. Nur Hans und Susanne Arendt gelang die Flucht in die USA.

Die Stolpersteine sind verlegt, Foto: Renate Mollenhauer

Jetzt liegen in Tangerhütte die Stolpersteine von Martha und Julius Heimannsohn, von Nathan, Martha, Margot, Hans und Susanne Arendt und von Gerhard Lohde. Sie gehören zu Tangerhütte und es ist in der Tat schwer sie zu übersehen. Wer möchte, ist eingeladen sich an die Menschen zu erinnern. Natürlich kann man auch kopfschüttelnd vorbeigehen und sich ärgern. Jeder kann diese Entscheidung für sich selber fällen. Allerdings bedenkt: Ärger macht krank und Erinnern die Welt besser.

Verlegte Stolpersteine für die Familie Heimannsohn und Arendt vor dem Kaufhaus
in der Bismarkstraße 20, Foto: Sven Heine

Verlegter Stolperstein für Gerhard Lohde in Tangerhütte, Foto: Sven Heine

Weitere Informationen: Beitrag im Sachsen-Anhalt Magazin, MDR

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