Rede zur Stolpersteinverlegung in Tangerhütte

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

liebe Schülerinnen und Schüler, 

liebe Tangerhütterinnen und Tangerhütter,

Danke für Ihre Anwesenheit, und dass Sie so zahlreich erschienen sind. Heute habe ich hier das Privileg, die Familie Arendt zu repräsentieren. Mein Ururgroßvater Rudolf Conitzer war der Cousin von Martha Arendt, geborene Conitzer.

Wir stehen hier vor dem ehemaligen Kaufhaus Conitzer, das die Familie Arendt betrieb. Insgesamt gab es 33 Kaufhäuser, die über ganz Deutschland verteilt waren. Sie gehörten verschiedenen Familienmitgliedern: Cousins, Brüder, Schwägern, Onkel. Die Familienmitglieder arbeiteten erfolgreich zusammen. Dieser Familienzusammenhalt war das Geheimnis ihres großen Erfolgs.

Leider wurde die Familie durch die nationalsozialistische Verfolgung auseinandergerissen. Aufgrund der zunehmenden Einschränkungen mussten sie um ihr Überleben kämpfen oder fliehen. Nur wenigen von Ihnen gelang die Flucht. Die Kaufhäuser wurden arisiert und unter Zwang – oft weit unter ihrem tatsächlichen Wert – an andere Besitzer übertragen.

Heute leben meine Verwandten über die ganze Welt verteilt.

Es ist sehr traurig, dass das Lebenswerk mehrerer Generationen der Familie Conitzer zerstört wurde.

Sehr schwer hatten auch die Überlebenden. Sie mussten ohne ihre Familien, ohne Freunde, ohne Geld und ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land ein neues Leben beginnen. Von der Familie Arendt schafften es nur Hans und Susanne, in die USA zu gelangen und sich dort eine neue Existenz aufzubauen.

Mein Großvater Gerhard Conitzer musste im Alter von 28 Jahren das Land verlassen. Er war zuvor sechs Wochen lang im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Er schrieb: „Meine Freiheit bedeutete für mich, meine Heimat verlassen zu müssen.“

Bolivien war das Land, das ihn schließlich aufnahm. Dort gründete er eine Familie, und so wuchs ich in Bolivien auf – frei von Leid, Hass und Spaltung. Ich verdanke es meinen Großeltern, dass sie Frieden mit Deutschland schlossen und mir den Besuch der deutschen Schule ermöglichten. Ohne sie könnte ich heute nicht hier in Tangerhütte stehen und diese Rede halten. Daher bedeutet es mir sehr viel, heute hier zu stehen und durch die Verlegung dieser Stolpersteine an die Familie Arendt zu erinnern.

Wir wissen jetzt, wer Nathan, Martha, Margot, Hans und Susanne Arendt waren, und werden ihre Geschichte nicht vergessen. Sie können weitere Einzelheiten und Geschichten über die Familienmitglieder auf unserer Conitzer-Seite nachlesen.

Warum machen wir uns so viel Mühe und recherchieren in Archiven und alten Zeitungen? Weil wir aus der Vergangenheit lernen und unsere Zukunft gestalten – mit jeder Entscheidung, die wir treffen, -so, wie es auch unsere Vorfahren damals taten.

Entscheiden wir uns für Ausgrenzung, Hass und Gewalt – oder dafür, einander mit Respekt und Liebe zu begegnen und friedlich miteinander zu leben?

Ich verbeuge mich vor diesen Stolpersteinen, die uns daran erinnern, wie wichtig Frieden, Respekt und Liebe sind.

Von ganzem Herzen danke ich der Stadt Tangerhütte und allen, die diese Verlegung der Stolpersteine möglich gemacht haben.

Valentina Holt, Tangerhütte, 23. September 2026

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