Am 30. April 1938 erreichten Hans und Susanne Arendt New York . Sie kamen mit dem Schiff „MV Britannic“ aus Le Havre, um in den USA zu bleiben. Die Cousine von Susanne Arendt, Ilse May, empfing die beiden in ihrer neuen Heimat. Hans und Susanne Arendt flüchteten aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Sie sahen für sich keine Zukunft mehr in ihrer bisherigen Heimat Tangerhütte. Sie wünschten sich ein neues Leben ohne Angst in den USA.
Die Geschichte von Hans Arendt begann am 05. Dezember 1903: Er wurde in Goßlershausen (polnisch: Jablonow) geboren . Sein Vater, Nathan Arendt, war in dem kleinen Ort in Westpreußen als Verkäufer im Warenhaus Alexander Conitzer angestellt. Alexander Conitzer war der Großvater von Hans, denn sein Vater heiratete im Jahr 1898 Martha Conitzer, die Tochter von Alexander. Die Filiale des Warenhauses in Goßlershausen hatten die Söhne von Alexander – Sally, Israel und Moritz – am 22. Oktober 1898 gegründet . In Goßlershausen lebten ebenfalls zwei Onkel von Hans: Sally (eigentlich Salomon) und Arthur Conitzer. Das Warenhaus spielte eine wichtige Rolle im Leben der Familien Conitzer und Arendt. Jeder Kaffeekranz wurde zu einem Geschäftstreffen der Gesellschafter.
Im Jahr 1921 musste die Familie das Kaufhaus in Goßlershausen verkaufen, da Westpreußen nun in Polen lag . Sein Vater war mittlerweile Gesellschafter des Kaufhauses geworden. Hans erlebte seine erste Migration. Er zog mit seiner Familie — seinen Eltern und seiner kranken Schwester Margot — von Goßlershausen nach Tangerhütte. Sein Onkel Sally zog nach Berlin und sein Onkel Arthur nach Tangermünde. Die Familie blieb in der Nähe, doch man arbeitete nicht mehr direkt zusammen. Trotzdem blieben die Beziehungen eng. Arthur Conitzer war beispielsweise der Trauzeuge bei Pauline Pottlitzers Hochzeit, einer Nichte von Nathan Arendt, die damals in seinem Kaufhaus arbeitete.
Der Neuanfang in Tangerhütte gelang der Familie Arendt. Die Deutsche Auskunftei schreibt in ihrem Dossier über Nathan Arendt am 18. Oktober 1927: „Das Geschäft hat sich im Laufe der Jahre in günstiger Weise entwickelt. Der Geschäftsgang wird als ein guter bezeichnet“ . Im Jahr 1928 hatte ihr Kaufhaus Conitzer & Co 22 Angestellte. Die Familie war in der Stadt anerkannt. Wie groß das Vertrauen in Nathan Arendt war, zeigt ein Zitat aus der Akte von Nathan Arendt im Landesarchiv Sachsen-Anhalt (Filiale Stendal) . Dieses Zitat bescheinigt die Kreditwürdigkeit von Nathan Arendt und stammt aus einer internen Mitteilung seiner Bank vom 17. Mai 1933.
„Herr Nathan Arendt genießt als Jude trotz der heutigen Einstellung in weitesten Kreisen der Bevölkerung weiterhin allseitiges Vertrauen und Achtung.“
Quelle: Akte Nathan Arendt, Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Stendal

Bild Kaufhaus Conitzer & Co in Tangerhütte, Quelle:
Nathan Arendt brachte seine kaufmännischen Instinkte und seine Erfahrung aus Goßlershausen mit nach Tangerhütte. Er erkannte, dass die Stadt Tangerhütte allein zu klein war für ein großes Kaufhaus, daher führte er einen Fahrdienst ein, der die Kunden aus den umliegenden Dörfern abholte und nach dem Einkaufen wieder zurückbrachte. Kauften die Kunden für einen bestimmten Betrag in seinem Kaufhaus ein, zahlten sie nichts für die Fahrt. Zuerst gab es einen Kutscher mit Pferd und Wagen. Später schaffte Nathan Arendt ein Automobil an und installierte auf dem Hof des Kaufhauses eine Tankstelle . Das erwirtschaftete Geld nutzte Nathan Arendt auf seine eigene Weise: Er half der Familie. Er ermöglichte seiner Schwester Thea in Seehausen die Selbstständigkeit — und ebenso seinen Nichten Rosalie und Pauline Pottlitzer7. Die Familie Arendt war in Tangerhütte angekommen. Sie hatten eine neue Heimat gefunden. Im Jahr 1931 feierte das Kaufhaus sein 10-jähriges Bestehen. Die Kunden bekamen für ihre Einkäufe einen besonderen Teller geschenkt.

Bild des Tellers zum 10-jährigen Bestehen des Kaufhauses Conitzer & Co in Tangerhütte (Geschenk eines Gastes unseres Vortrages in Tangerhütte), Quelle: Foto Valentina Holt
Am 31. Mai 1931 heirateten Hans Arendt und Susanne Wittner . Susanne kam aus Berlin. Sie wurde am 13. Juni 1909 geboren und wuchs in Charlottenburg auf. Ihr Vater war ebenfalls Kaufmann; er starb im Jahr 1928 . Susanne Wittner zog nach Tangerhütte und arbeitete vor der Hochzeit bereits im Kaufhaus Conitzer & Co. Ob sich Hans und Susanne dort kennenlernten oder sich schon vorher kannten, haben sie leider nicht verraten.
Hans stieg 1934 als Teilhaber in das Kaufhaus ein . Die Machtergreifung der Nationalsozialisten war bereits abgeschlossen. Am 01. April 1933 organisierten die Nationalsozialisten den Judenboykott . Überall in Deutschland wurden die jüdischen Geschäfte blockiert und Plakate mit der Botschaft „Kauft nicht bei Juden“ angebracht. Erstaunlicherweise liefen die Geschäfte in Tangerhütte im Kaufhaus Conitzer & Co weiterhin zufriedenstellend. So schrieb die Commerz- und Privatbank Filiale Stendal am 06. September 1935 in einem Aktenvermerk über das Kaufhaus Conitzer & Co in Tangerhütte:
„Arendt jr. erklärte, dass bisher gegenüber dem Vorjahr der Umsatz sich um etwa 8 % verschlechtert hätte, was nach der starken Steigerung des Vorjahres nicht verwunderlich wäre. Arendt jr. sieht hinsichtlich der Entwicklung des Tangerhütter Geschäftes nicht ungünstig; da sein Geschäft ohne nennenswerte Konkurrenz am Platze ist, würde ihm seine Kundschaft treu bleiben.
Quelle: Akte Nathan Arendt, Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Stendal
Die Regierung der Nationalsozialisten machte das Leben der Juden in Deutschland immer schwieriger. Am 07. April 1933 verabschiedete die Regierung das Berufsbeamtengesetz . Juden konnten in Deutschland keine Beamten mehr werden, dieses Gesetz traf Freunde und Verwandte von Hans und Susanne. Am 15. September 1935 machte das Reichsbürgergesetz die Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse. Ilse May, die Cousine von Susanne Wittner, war schon im Jahr 1933 in die USA ausgewandert. Am 22. August 1936 fuhren Hans und Susanne mit dem Schiff „Westernland“ aus Antwerpen nach New York. Sie wollten die Familie von Susannes Cousine Ilse May besuchen. Am 01. September 1936 kamen sie in New York an . Die Reise über den Atlantik dauerte zehn Tage in die eine Richtung und weitere zehn Tage in die andere Richtung. In diesen zwanzig Tagen gab es Filmabende, Bingo oder Bridge. An Bord befand sich ein Schwimmbad und eine Turnhalle. Für Ablenkung auf dem Schiff hatte die Reederei gesorgt . So war diese Reise für Hans und Susanne ein krasser Kontrast zum Deutschland der Nationalsozialisten. Diese Politik bedrohte ihre Existenz als Kaufhausbesitzer. Die Frage, ob Deutschland noch ihre Heimat für sie war, stellte sich fast von selbst. Sie sahen in ihrem Urlaub eine große Stadt voller Möglichkeiten und kehrten in ein Dorf voller Herausforderungen zurück — regiert von einer Regierung, die sie nicht mehr wollte. Wie groß war ihre Freude auf Tangerhütte? Die Eltern von Hans waren im Jahr 1936 bereits nach Berlin umgezogen. Sie ertrugen das Leben in dem kleinen Ort Tangerhütte nicht mehr.
Am 12. August 1937 starb Nathan Arendt in Berlin . Hans war somit alleiniger Besitzer der Gesellschaft. Trotz der nationalsozialistischen Politik blieben die Tangerhütter treue Kunden des Kaufhauses. Dazu schrieb wiederum die Commerz- und Privatbank am 01. Februar 1937 in der Akte Nathan Arendt des Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Stendal:
Das Geschäft wird in der bisherigen Weise fortgeführt ist zwar durch Boykottmassnahmen etwas zurückgegangen, aber geht noch leidlich gut.
Quelle: Akte Nathan Arendt, Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Stendal
Trotzdem wurde das Geschäft am 20. November 1937 an die „arischen“ Kaufleute Bergemann und Jungk verkauft, schreibt die Commerz- und Privatbank in einem internen Memo . Das Haus blieb allerdings im Besitz der Familie2. Hans und Susanne fuhren nach Le Havre und gingen an Bord der MV Britannic. Mit dem Schiff emigrierten sie in die USA. Die Mutter von Susanne, Hedwig Wittner, blieb in Berlin zurück. Ebenso die Mutter von Hans, Martha Arendt, mit ihrer kranken Tochter Margot3. Margot litt seit ihrer Geburt an einer chronischen Erkrankung und konnte das Haus kaum verlassen. In Tangerhütte war sie wenigen Menschen bekannt. Die Regeln der Einwanderung in die USA waren sehr streng. Als Hans und Susanne in den USA ankamen, mussten sie 29 Fragen beantworten . In Ellis Island saßen sie auf den harten Stühlen, den Stift in der Hand, vor ihnen der Fragebogen und sie beantworteten die Fragen. Wen sie in den USA besuchen wollten, ob sie Anarchist oder Polygamist waren — und sie mussten angeben, ob sie körperliche Gebrechen oder Behinderungen hätten. Die Cousine wartete schon hinter der Tür. Nur noch diese Hürde galt es zu überspringen. Die Frage nach den körperlichen Gebrechen war eine schwierige Frage, denn Hans und Susanne wussten, dass die USA niemanden einwandern ließen, der nicht für sich selbst sorgen konnte. Martha und Margot Arendt blieben daher in Berlin, denn eine Auswanderung von Margot war ausgeschlossen, schon durch die medizinische Untersuchung wäre sie durchgefallen. Die Martha Arendt entschied sich, bei ihrer kranken Tochter in Berlin zu bleiben.
Hans und Susanne kamen in New York an. New York war 1938 die größte Stadt der Welt. Hans Arendt, der Kaufmann aus Tangerhütte, musste sich umstellen. Susanne Arendt kam immerhin aus der drittgrößten Stadt der Welt, Berlin. Ihre erste Wohnung bezogen sie in Pelham, einem Vorort von New York. Dort war es stiller als im Zentrum der Stadt. Sie konnten mit dem Aufbau ihrer Zukunft beginnen. Leider enthielten die Briefe der Eltern und auch die Zeitungen nur schlechte Nachrichten aus der alten Heimat. Sorgenvoll werden ihre Gedanken über den Ozean gewandert sein. Sie wussten mittlerweile, wie groß er wirklich war. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Ein Großteil des Vermögens der Juden wurde mit der Reichsverordnung über die Sühnezahlung der Juden vom 12. November 1938 eingezogen. Ab dem 1. September 1941 mussten sich die Juden mit einem Stern kennzeichnen und am 25. November 1941 wurde ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen . Auch Hans und Susanne waren jetzt staatenlos.
Hedwig Wittner wurde am 02. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 12. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet . Martha Arendt4 wurde am 02. September 1942 nach Theresienstadt transportiert und am 29. September 1942 in Treblinka ermordet . Margot Arendt wurde am 15. August 1942 nach Riga deportiert. Ihr Sterbedatum ist nicht bekannt.
Hans und Susanne Arendt eröffneten einen Spielzeugladen in der Nähe von New York. Die übrigen Mitglieder der Familie Arendt und Conitzer waren nach dem Zweiten Weltkrieg entweder tot oder überall auf der Welt verstreut. Eine Cousine von Hans, Ursula Frankenstein, lebte in Israel — sie war die einzige Überlebende der Familie Arthur Conitzer. Heinz Conitzer, ein Sohn von Sally Conitzer, überlebte im Untergrund versteckt in Amsterdam , und seine Schwester Agathe Pincus wurde aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit. Hans und Susanne wohnten weiterhin in der Nähe von New York und verkauften Spielwaren. Der Chronist der Familie Conitzer John Henry Richter schrieb am 12. September 1990 in einem Brief an die Cousine von Hans Arendt, Ursula Frankenstein, über Hans und Susanne: „Von unserer Cousine Susanne Arendt habe ich auch seit Jahren nichts gehört. Sie wohnt in Fort Lauderdale, Florida, und ist scheinbar weiterhin in gesundheitlich sehr schlechtem Zustand. Sehr traurig. Als John 6 und sie noch in Pelham lebten und dort ihr Geschäft hatten, besuchte ich sie mal und kam mit einem großen Paket voller Spielzeug nach Hause.“ . Leider hatten Hans und Susanne selber keine Kinder.
Hans kehrte 1945 als Soldat der amerikanischen Armee nach Tangerhütte zurück5. Er besuchte sein Kindermädchen und später weitere ehemalige Angestellte des Kaufhauses. Obwohl die Bindung immer noch stark war, kam eine Rückkehr für Hans und Susanne nicht infrage. In Deutschland waren die allgegenwärtigen Erinnerungen zu schmerzhaft. Hans Arendt starb im Dezember 1968 und Susanne am 13. Juli 1992 in Fort Lauderdale, Florida. Das Kaufhaus in Tangerhütte steht bis heute. Am 23. September 2026 werden vor der Tür fünf Stolpersteine für die Familie Arendt verlegt. Die Stolpersteine erinnern an Hans, Susanne, Nathan, Martha und Margot.

Bild Kaufhaus Conitzer & Co in Tangerhütte, Quelle: Foto Valentina Holt
Danksagung: Wir stehen, wie eigentlich alle Menschen, auf den breiten Schultern unserer Vorgänger. In diesem Fall möchten wir uns besonders bei Albrecht Will und Ruth Wolf bedanken. Ruth Wolf hatte schon zu Zeiten der DDR die Forschung zu der Familie Conitzer begonnen. Auf ihrer Arbeit baute Albrecht Will auf, und wir sind ihm sehr dankbar für seine großartige Recherche zu den jüdischen Familien in Tangerhütte.
Stammbaum: Aron Israel Conitzer | Alexander Conitzer | Nathan und Martha Arendt | Hans und Susanne Arendt
Fußnoten:
1 Wikimedia Commons, Red Star Line. Amberes-Nueva York, Henri Cassiers
2 In der Akte Marie4 Arendt (geborene Conitzer) aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv auf Seite 60 schrieb der Oberfinanzpräsident Mitteldeutschlands am 17. Mai 1943, dass er die Verwaltung und Verwertung des Grundstücks der Jüdin Marie4 Sara Arendt (geb. Conitzer) übernehme, obwohl sie keine Reichsfeindin sei.
3 In ihrer Vermögenserklärung gab Margot Arendt folgende Angabe zu ihrem Haushalt: „Mein Haushalt besteht aus 2 Personen, und zwar meiner kranken Tochter und mir.“ Diese Aussage findet sich in der Akte Marie4 Arendt (geborene Conitzer) aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv auf Seite 13 .
4 Der bürokratische Namen von Martha Arendt war Marie Arendt, daher wird in den Akten oft Marie verwendet. Leider auch nicht durchgehend. In diesem Text habe ich mich für Martha entschieden und nur in den Quellenangaben Marie benutzt.
5 Die Heimatforscherin Ruth Wolf erwähnt in ihren Aufzeichnungen, dass Hans Arendt mehrmals nach Deutschland zurückkam und ehemalige Angestellte traf. Die Aufzeichnungen Ruth Wolfs beziehen sich auf mündliche Überlieferungen der Bewohner aus Tangerhütte.
6 Hans Arendt hatte seinen Namen in den USA in John Arendt geändert.
7 Beide Frauen arbeiteten zuerst in seinem Geschäft und heirateten dann Angestellte des Kaufhauses Conitzer & Co. Rosalie heiratete Sigmund Katzenstein und gründete das Kaufhaus Conitzer & Co in Arendsee , . Pauline heiratete Henry Hirsch und gründete das Kaufhaus Conitzer & Co in Oebisfelde-Kaltendorf , .
Quellen:
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