Hans Jacob, Quelle: Studentenkartei. Archiv und Sammlungen des Herzoglichen Georgianums München 1

Hans Jacob und der Krieg im Äther

“Warum schreibst du über Hans Jacob?“, fragt meine Frau, als ich ihr meinen Text ankündige. „Er hat ein Buch geschrieben“, antworte ich. „Es gibt doch schon so viele Bücher. Das ist doch kein Grund!“, sagt meine Frau. „Er war ein entfernter Verwandter deiner Familie, und leider haben von deinen Verwandten nur wenige ihre Erinnerungen und Gedanken aufgeschrieben.” — „Hmm“, brummt meine Frau und denkt nach. Es ist schon fast eine Zustimmung. „Er war ein Beobachter der Zeitgeschichte, während die Nationalsozialisten Deutschland zerstörten und er hat mit seinen Mitteln gegen diese Zerstörung gekämpft.“, ergänze ich noch. „Warum hast du das nicht gleich gesagt. Dann fang einfach an zu schreiben.“

Die Großmutter von Hans Jacob war Bertha Bennheim — eine Schwester von Ernestine Bennheim, der Frau von Moses Conitzer. Damit war sein Vater der Cousin der Kinder von Moses Conitzer und Ernestine Bennheim. Ein Cousin seines Vaters war Nathan Conitzer, der das Kaufhaus in Marienwerder gründete. Nathans Tochter Hertha heiratete Martin Davis. Er war der Geschäftsführer des Kaufhauses M. Conitzer & Söhne in Marienwerder

Das größte Geschenk seines Lebens bekam Hans Jacob von seinen Eltern in den ersten Jahren seines Lebens: die französische Sprache. Seine Eltern beschäftigten ein französisches Kindermädchen für ihn und seine Brüder. Hans sprach Französisch, bevor er die deutsche Sprache lernte. Seine Liebe für die französische Sprache blieb ihm sein Leben lang erhalten. Hans Jacob konnte mit dieser Liebe seinen Lebensunterhalt verdienen. Es war für ihn eher eine Leidenschaft als ein Beruf. Er wurde schon in jungen Jahren Übersetzer französischer Literatur ins Deutsche. Er beherrschte die französische und deutsche Sprache so gut, dass er später Dolmetscher wurde. In jungen Jahren übersetzte er bereits französische Autoren ins Deutsche, und später dolmetschte er für das Auswärtige Amt. Dazwischen veröffentlichte Hans Jacob immer wieder eigene Texte. Als er sich Ende der 1950er Jahre in Frankreich zur Ruhe setzte, schrieb er seine Memoiren. Das Buch erschien 1962 im Verlag Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel „Kind meiner Zeit“ .

Buch Cover „Kind meiner Zeit – Memoiren von Hans Jacob“ , Quelle: Foto Sven Heine

Hans Jacob wurde am 20. November 1896 in Berlin geboren. Sein Vater, Lachmann Nathan Jacob, war Kaufmann und hatte in Berlin ein Warenhaus . In dem Haushalt lebten neben Hans und seinen zwei Brüdern noch das französische Kindermädchen und eine Bäckerin aus Wien. Sie hatte die Aufgabe, jeden Tag einen Apfelstrudel, das Lieblingsgebäck seines Vaters, zu backen. Es war ihre einzige Aufgabe im Haushalt der Familie Jacob. Seine Eltern fuhren jeden Tag gemeinsam in das Geschäft. Die Kinder wurden von den Angestellten betreut. Am Abend gingen die Eltern gerne aus. Das Bild der parfümierten Mama, gekleidet in den modernsten Kleidern, blieb Hans im Gedächtnis. Sein Vater im Frack und seine Mutter, mit blitzenden Juwelen behangen, beugten sich noch über die Betten der Kinder und verabschiedeten sich mit einem Kuss in die Welt der Kultur. Allerdings starben seine Eltern sehr früh. Als seine Mutter starb, war Hans sieben Jahre alt und nur drei Jahre später nahm sich sein Vater das Leben. Hans zog von nun an von Pflegefamilie zu Pflegefamilie. Sein Vormund war ein Freund seines Vaters.

Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Hans bei seinem Onkel Hugo Caro , der Bruder seiner Mutter war ein bekannter Anwalt in Berlin, und er liebte die Kunst. Er saß oft im Café des Westens , in dieser Zeit war das Café ein Treffpunkt der Künstlerszene Berlins. Hier knüpfte Hugo Caro seine Kontakte und lud die Künstler zu sich nach Hause ein. Bei seinem Onkel hatte Hans an den Wochenenden ein zu Hause. Hier traf Hans unter anderem die deutsche Lyrikerin Else Lasker-Schüler und andere Kulturschaffende, die sein Leben später prägen würden. Sein Onkel ermunterte ihn, schon während der Schulzeit französische Literatur zu übersetzen. Hans ging damals auf die französische Schule in Berlin. Es war eine liberale Schule, denn Hans konnte neben der Schule in der Nacht literarische Texte übersetzen oder mit den Künstlern im Café des Westens feiern, und niemand störte dieses Doppelleben. Er war damals in Pension bei einem Lehrer. Dort gab es ein Bett und etwas zu essen, aber Erziehung gab es nicht. Er kam nach Hause, wann er wollte, an manchen Tagen auch gar nicht, dann ging er direkt in die Schule. Oft arbeitete er nachts an seinen Übersetzungen. Sein Herbergsvater, der Lehrer, hatte ein Abkommen mit ihm getroffen: Er ließ ihn in Ruhe, dafür korrigierte Hans für den Lehrer die Aufsätze und Übersetzungen seiner Schüler.

Aus dieser Zeit stammt ein Gedicht der bereits erwähnten Dichterin Else Lasker-Schüler. Es heißt Hans Jacob und handelt von ihm:

Hans Jacob

von Else Lasker-Schüler

Die Eltern waren ihm so früh gestorben, –
Und eine Fremde hütete ihr Hänschen

Wie aus dem Osterei geschält,
Adrett saß es, sechsjährig, comme il faut,
Im französischen Gymnasium in Berlin;

Im Schillerkragen und langwehender Kravatte,
Den Ordinarius überfältigt, tout a fait,
Der kleine Chevalier.

Und seine Liebe wuchs mit jeder Klasse
Zu den Poeten Frankreichs.
Der elegante Futuristenhäuptling hatte es ihm angetan.

Der war des Staunens übervoll!
Wie oft sah ich im alten Cafe Westen
Marinetti mit dem Knaben lebhaft plaudern.

Dann kam der Krieg. –
Zum Teufel! – Ihm zum Ärger ausgerechnet gegen Frankreich!! –
– Und zog doch seinen Brüdern an die Front nach.

Als junger Offizier schon übertrug er: Balzac
Und andere große Romanciers ins Deutsche.
Ich rate zu der spannenden Lektüre.

Der Übersetzer las mir öfters die Poeten –
Nicht allzulange ist es her –
In Theben im Palast vor.

Die kosten dem Hans Jacob schlummerlose Nacht.
Und unermüdlich scheint auf seine Arbeit klar der Mond.
La lune nennt man in Frankreich seinen goldenen Freund.

Quelle: Aus dem Zyklus „Freunde“ von Else Lasker-Schüler in

Seine Liebe zu Frankreich war stark, eines Tages gab es keinen Ausweg mehr. Er musste nach Paris! Hans war 16 Jahre alt, und an diesem Freitag ging er nicht zur Schule, sondern stieg in den Zug. In seinem Buch erzählt er mit seinen eigenen Worten diese für ihn so prägende Geschichte von seinem Ausflug nach Paris:

„Dieser Zauber und der brennende Wunsch, Paris zu sehen, inspirierten mich, eines Freitags die Schule zu schwänzen, mit der kleinen braunen Tasche, die ich zur Einsegnung geschenkt bekommen hatte, zum Schlesischen Bahnhof zu fahren – dem Fernbahnhof, auf dem der Nord-Expreß, vom Osten kommend, in Berlin hielt – und in meinem dunkelblauen Anzug mit den ersten langen Hosen und meinem ersten Monokel im Auge den Traumzug zu besteigen. Man brauchte keinen Paß, ich sah erwachsen genug aus, die Trinkgelder, jene auch heute in der ganzen Welt wirksamsten Eintrittskarten, saßen mir locker, und am nächsten Tage war ich in Paris. Obwohl diese erste Reise nach Paris wichtig für mein ganzes Leben wurde, sind meine Erinnerungen verschwommen: alles war etwas verwirrt, hektisch und sinnlos. Ich ging ins Hôtel Scribe, aß in einem Duval-Restaurant, ich fuhr zum Rennen in Longchamps, dann zurück gleich bis zum Hôtel de Ville. Notre-Dame sah ich und marschierte zurück zur Place de la Concorde, aß zur Nacht und nahm den Zug zurück nach Berlin. Ich hatte keinen Plan, nichts war überlegt, alles spielte sich wie ein Traum ab, ungeordnet, sprunghaft und überraschend. Als ich auf den Boulevards ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen sah – es war mein ältester Bruder, der damals in Antwerpen lebte und öfters ein Wochenende in Paris verbrachte – eilte ich, als er mich gerade ansprechen wollte, mit einem: »Vous vous trompez, Monsieur« und klopfenden Herzens davon. Ich war sehr stolz, und vor allem fühlte ich mich gar nicht fremd. Ich konnte gar kein Fremder sein, denn alle verstanden mich, und ich verstand alle.“

Quelle: Kind meiner Zeit, Hans Jacob, Seite

Hans machte das Notabitur im Jahr 1914 und meldete sich freiwillig zur Armee, um für das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg zu kämpfen. Sein Leiden, ausgerechnet gegen die Franzosen zu kämpfen, beschreibt er nicht näher. Allerdings begingen mehrere Lehrer der französischen Schule in Berlin Selbstmord. Sie wollten weder das Vaterland verraten noch gegen ihre geliebten Franzosen kämpfen. Der einzige Ausweg aus dieser aussichtslosen Situation war der Weg in den Tod.

Nach dem ersten Weltkrieg entschied sich Hans, in München Romanische Philologie zu studieren. Das Studieren funktionierte leider nicht, denn stattdessen arbeitete er weiter als Übersetzer. Er studierte dafür das Leben, insbesondere das Leben der Künstler. Er traf berühmte Personen der damaligen Zeit: Rainer Maria Rilke , Arthur Schnitzler oder Heinrich Mann . Hans war ein literarischer Arbeiter, oft bis spät in die Nacht. Unter anderem arbeitete er an einer dreibändigen Ausgabe der Novellen von Émile Zola.

Anzeige Verlag Gustav Kiepenheuer für die gesammelten Novellen von Emile Zola herausgegeben von Hans Jacob

Er feierte ausgiebig mit seinen Künstlerfreunden. Er schlief lange, setzte sich erst abends an den Schreibtisch und übersetzte. Er verdiente Geld und gab es wieder aus. Einen Teil seines Geldes investierte er in riskante Aktien, die an einem Tag im Jahre 1921 nichts mehr wert waren. Er verlor sein Geld und ihm wurde klar, er musste sein Leben ändern, er löste seine Wohnung auf und fuhr zu seinen Verwandten aus den Familien Conitzer und Bennheim nach Marienwerder in Westpreußen. Dort, in der Provinz, konnte er sich finanziell und emotional erholen:

„Ich flüchtete mich zu meinen Verwandten in Westpreußen, in die kleine Stadt Marienwerder. Bei Martin und Hertha Davis suchte ich Unterschlupf, wann immer mir in moralischen, vor allem aber materiellen Nöten kein Ausweg zu bleiben schien. In ihrer stillen Villa fand ich „mein“ Zimmer; auf dem Schreibtisch häufte sich schon die Post, manchmal für meine lieben Freunde das einzige Anzeichen, daß meine Ankunft drohte. Man fragte nichts, man sagte nichts; ich konnte nachts arbeiten, am Tage schlafen, spät aufstehen und tun, was ich wollte, ohne Anstoß zu erregen.“

Quelle: Kind meiner Zeit, Hans Jacob, Seite 87

Hans Jacob zog in seine Heimatstadt Berlin und heiratete 1922 eine österreichische Tänzerin. Er arbeitete weiter an literarischen Übersetzungen für den Kiepenheuer-Verlag. Zusätzlich übersetzte er Theaterstücke und führte die Dramaturgie des Kabaretts „Die Rampe“. Er war in Berlin bekannt als Experte der französischen Literatur, wie die Kritik seines Vortrages „Zur modernen französischen Dichtung“ in der Buchhandlung J.M. Spaeth verrät . Nach einer Veranstaltung des internationalen Pen-Clubs in Berlin, als Hans die Rede von Jules Romains direkt übersetzte, empfahl ein Besucher ihm, sich als Dolmetscher im Auswärtigen Amt zu melden. Hans bewarb sich, bestand die Prüfungen und wurde freier Dolmetscher für das Auswärtige Amt. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete Hans hauptsächlich als Dolmetscher. Er dolmetschte auf Konferenzen und für das deutsche Auswärtige Amt, vor allem beim Völkerbund in Genf. Im Jahr 1930 fuhr er zu einer Konferenz des Internationalen Statistischen Instituts in Japan. Er war drei Wochen mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs und zurück wieder drei Wochen mit einem deutschen Handelsschiff. Als er zurückkam, begann der Aufstieg der Nationalsozialisten. Es waren bereits 115 Nationalsozialisten in den Reichstag gewählt worden. Schon auf dem Schiff entdeckte Hans die Kabine eines Stewards. In seinem Buch beschreibt Hans Jacob die Szene wie folgt: .

… obwohl mir ein Blick, so paradox es klingt, „die Augen geöffnet hat“, ein zufälliger Blick nämlich in die Kabine des Stewards, der uns bedient und gleichzeitig meine Kabine in Ordnung hält. Ich wollte ihn um irgend etwas bitten und nicht läuten. So ging ich in seine Kabine: da hing an der schmalen Wand auf einem Stück Samt ein Bild von Adolf Hitler wie ein Heiligenbild, ringsherum Hakenkreuze.

Quelle: Kind meiner Zeit, Hans Jacob, Seite 165

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten dolmetschte Hans Jacob weiter für das Auswärtige Amt. Er arbeitete bei der Abrüstungskonferenz in Lausanne. Dort protestierte Reinhard Heydrich beim deutschen Botschafter Nadolny, dass ihn ein Jude übersetzte. Danach übernahm sein Kollege Paul Schmidt das Dolmetschen. Hans Jacob schrieb in seinem Buch über einen Scherz von Paul Schmidt nach der Konferenz, der sich über die Behandlung Hans Jacobs lustig machte:

„… sobald ich nach Deutschland zurückkäme, würden mir bereits an der Grenze die Handfesseln angelegt werden.“

Quelle: Kind meiner Zeit, Hans Jacob, Seite 170

Hans Jacob wundert sich in seinem Buch über die Naivität mit der alle nach solchen Ereignissen zur Normalität übergingen, und sich mit den Versicherungen, dass einem Kriegsteilnehmer wie Hans Jacob schon nichts passieren würde zufrieden gaben. Paul Schmidt warnte Hans Jacob allerdings nur wenige Wochen später vor der Einführung von Ausreisevisen für alle Deutschen. Hans floh nach dieser Unterhaltung mit Paul Schmidt sofort mit seiner Frau nach Wien, dort lebten die Eltern seiner Frau. Später emigrierte er in seine zweite Heimat nach Paris. Über die Stimmung in Deutschland zu dieser Zeit schreibt Hans Jacob die folgenden Zeilen:

„Nach Anbruch des Dritten Reiches gab es zunächst keine einheitliche und auch keine Massenemigration. Man begriff nicht sofort, scheute sich auch zu begreifen. Viele Menschen verstehen heute noch nicht, was es namentlich für die Juden Deutschlands bedeutete, alles aufzugeben, nicht nur die materiellen Güter. Unter den Deutschen, die Deutschland verließen, gab es zunächst nur wenige bewußte Emigranten, die sich klar darüber waren, daß es kein Zurück gab, daß sie ihr Vaterland auf immer zu verlassen hatten. Viele, die meisten sogar, wollten gar nicht auswandern und glaubten noch geraume Zeit nach 1933, der Spuk werde nicht lange dauern.“

Quelle: Kind meiner Zeit, Hans Jacob, Seite 183

In Frankreich arbeitete Hans mit seinem Cousin Kurt Caro für das Pariser Tageblatt und übersetzte Nachrichten aus Deutschland aus dem Französischen ins Deutsche, denn die Zeitung bekam die deutschen Nachrichten nur über französische Quellen. Das Pariser Tageblatt wurde von Emigranten geschrieben und herausgegeben. Es war in der damaligen Zeit die wichtigste Zeitung ausserhalb Deutschlands. Er dolmetschte die Hitlerreden simultan für die Regierung Frankreichs, hiermit versuchte er den Franzosen die Gefahr, die von Deutschland ausging, zu erklären. Außerdem begann er den Äther, also das Radio, für den Kampf gegen die Nationalsozialisten zu nutzen. Er arbeitete für Radio Strasbourg, der auch unter dem Namen „Straßburger Sender“ bekannt war. Das Radioprogramm bestand aus sachlichen Nachrichten auf Deutsch, ohne jegliche Propaganda. Radio Strasbourg wurde von den Nationalsozialisten als Feindsender eingestuft . Die Nationalsozialisten gingen hart gegen das Hören von Feindsendern vor, denn sehr viele Deutsche nutzten diese Möglichkeit, um zusätzliche Informationen zu bekommen – insbesondere während des Krieges. In Deutschland gab es Prozesse gegen die Hörer der Feindsender, und es wurden Haftstrafen von bis zu zwei Jahren ausgesprochen. Trotzdem hörten, während des Zweiten Weltkrieges bis zu 50 Prozent der Deutschen Feindsender. Aus diesem Grund versuchten die Nationalsozialisten auf politischem Wege – über die französische Regierung – diesen Sender loszuwerden. Als die Franzosen klarmachten, dass der Sender nicht abgeschaltet werden würde,
begannen die Nationalsozialisten seine Glaubwürdigkeit zu zerstören. Erst nach dem Angriff der Deutschen auf Frankreich hörte der Sender auf zu senden.

Leider erlagen auch in Frankreich viele Menschen den Versprechungen der Nationalsozialisten und Frankreich ergab sich mehr oder weniger kampflos dem Überfall der Deutschen. Kaum waren die deutschen Truppen in Paris eingetroffen, suchte die Gestapo nach Hans Jacob und durchsuchte seine Wohnung. Später erzählten die Nachbarn, dass sie von der Gestapo befragt worden sind, und die Gestapo sogar ein Foto von Hans Jacob herumzeigte. Der Portier antwortete ihnen, dass Hans verreist sei und sicher bald zurückkäme. Allerdings war Hans Jacob bereits auf der Flucht und kehrte erst nach dem Krieg wieder nach Paris zurück.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich wusste Hans Jacob, dass er Frankreich verlassen musste. Zuerst floh er in den Süden Frankreichs, der nicht von Deutschland besetzt war. Für die Flucht brauchte Hans Jacob vor allem Beharrlichkeit, denn oft gingen die Türen erst nach mehrmaligem Klopfen auf. Das begehrte Visum für Spanien bekam Hans von einer Freundin, die von dem spanischen Konsul angehimmelt wurde. Vorher hatte er sich mehrmals erfolglos um das Visum bemüht. Später, als er aus Frankreich ausreisen wollte, wurden die französischen Grenzbeamten bereits von den Deutschen überwacht, und er brauchte auf einmal ein Ausreisevisum. Der Grenzbeamte erklärte Hans Jacob in deutlichen und lauten Worten, dass er ein Ausreisevisum bräuchte, dabei blickte er sich um. Der ganze Raum hatte ihn verstanden. Er setzte sich auf den Stuhl und gab Hans Jacob die Formulare. Währenddessen erklärte er Hans flüsternd, dass er überwacht würde und beschrieb ihm den Weg über die Grenze. Der Weg führte durch die Weinberge bis zum spanischen Grenzposten. Als sie losgingen, war es bereits dunkel. Die Polizisten des Dorfes saßen bei ihren Familien zu Hause, aßen und tranken Wein. Der Grenzbeamte hatte seinen Kollegen bei der Polizei empfohlen, an diesem Tag ein gutes, ausgedehntes Abendessen zu genießen.2 Hans Jacob und seine Frau flohen durch Spanien über Portugal in die USA, wo er von seinen Freunden empfangen wurde. In der Zeitung Aufbau veröffentlichte Hans Jacob seine ersten Gedanken zur Flucht und Ankunft in den USA.

Erster Gedanke

von Hans Jacob

Wir alle sind noch nicht abgefahren, geschweige denn angekommen: wir glauben es noch nicht, dass wir da sind. Wir haben alle viel erlitten —es ist vergessen, aber wir denken an die, die noch drüben sind. Wir sind glücklich, festen Boden eines freien Festlandes unter den Füssen zu spüren. Die aus Frankreich Gekommenen sehen nun aus der Entfernung Dinge, die sie aus der Nähe nicht mehr begriffen haben. Aber es wird noch geraumer Zeit bedürfen, ehe wir erklären oder gar urteilen können. Der erste Augenblick ist betäubend und blendend: Europa ist seit über einem Jahr verdunkelt. Wir werden versuchen, zu vergessen und aufzubauen. Ich sage: vergessen, was uns geschah. Aber die anderen — drüben, — wollen und werden wir nicht, vergessen.“

Quelle: Aufbau, Hans Jacob, Seite 20

In den USA trafen sich die Emigranten aus ganz Europa. Hans Jacob fand, wie auch in Frankreich, einen Weg Nachrichten in der deutschen Sprache nach Europa zu schicken. In den USA waren die Radioprogramme in der Hand privater Firmen, aber Hans Jacob fand trotzdem den Sender WRUL. In der Zeitung Aufbau, dem Sprachrohr der deutschen Emigranten in den USA, beschreibt Hans Jacob in einem Artikel den Sender mit den folgenden Worten.

”WRUL sah im Sprachlichen die Brücke, die zwischen allen Völkern guten Willens beschritten werden kann. WRUL predigt Verständigung und nicht Hass. Es hält die Wahrheit für die beste Propaganda.“

Quelle: Aufbau, Hans Jacob, Seite 20

Als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten, übernahm die Regierung den WRUL Sender und strahlte das Programm weiter als „Voice of America“ aus. Diese Radiosendungen in fremden Sprachen sendeten 80 Jahre die Sichtweise der Amerikaner in die Welt. Erst kürzlich wurde das Programm von Donald Trump eingestellt. Die erste Sendung in deutscher Sprache wurde am 1. Februar 1942 übertragen und über einen Sender in London in Europa ausgestrahlt. Hans Jacob sendete nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch in englischer Sprache auf dem Sender WOV. Das Ziel dieser Sendung war es, den Amerikanern die Situation in Europa zu erklären. Offensichtlich hielten die Amerikaner Hans Jacob für einen Experten Europas und des nationalsozialistischen Deutschlands, um die Entscheidungen und die Ereignisse aus der europäischen Sicht zu erklären und für die USA einzuordnen. Diese Aufgabe erfüllte Hans Jacob trotz vieler Anfeindungen und Drohungen bis zum Ende des Krieges.

Anzeige des Radiosenders WOV , Quelle:

Nach dem Ende des Krieges kehrte Hans Jacob in seinen alten Beruf zurück. Er ging zurück nach Paris und arbeitete bei der UNESCO und wurde dort zum Chefdolmetscher. Er blieb also der Sache treu, dem Frieden in Europa und der Welt zu dienen. Er lebte wieder in dem Land seiner Sehnsüchte, Frankreich, schrieb seine Biografie. Leider starb er am 8. Januar 1961, noch bevor das Buch über sein Leben erschienen war.

Fußnoten:

1Das Titelbild ist aus dem folgenden Artikel entnommen .
2Die Geschichten der Emigranten und ihrer Flucht aus dem unbesetzten Frankreich erzählt anschaulich und atemlos das Buch „Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur“ von Uwe Wittstock .

Quellen:

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