Aron Israel Conitzer – der erste Conitzer

Im Rentenalter lebte Aron bei seinem Sohn Moses in Jeschewo. Hier lebten seine unzähligen Enkel und seine Söhne Moses, Alexander und Oser, die er, vor allem an den Winterabenden am warmen Kamin, mit Anekdoten unterhielt. Besonders gerne erzählte er die Geschichte aus der Zeit der französischen Besetzung Zempelburgs [1].

Als mutiger und angesehener Bürger bekam er den Auftrag, eine Bürgerwehr zusammenzustellen. Er unterrichtete die neuen Soldaten in militärischer Disziplin. Insbesondere das Marschieren wurde geübt: vorwärts, rückwärts, seitwärts. Einmal sollten die Soldaten, nachdem sie einige Schritte vorwärts marschiert waren, die Übung mit einer Rückwärtsbewegung gekonnt vollenden. Nach dem ersten Schritt rückwärts standen jedoch nur noch die Pantoffeln militärisch genau in Reih und Glied, während die Soldaten unmilitärisch barfuß auf dem Exerzierplatz standen. Das Lachen der Enkel und Erwachsenen schallte durch das Haus bis auf die Straße.

Aron Israel Conitzer

Aron Israel Conitzer [3]

Die ersten Jahre

Geboren wurde Aron im Jahr 1789 in der Nähe von Warschau im Königreich Polen [2]. Ebenfalls im Jahr 1789 führte die bürgerliche Revolution in Frankreich zur Absetzung des Königs [7]. Die Auswirkungen dieser Revolution werden später noch wichtig für das Leben von Aron. Noch sind wir aber im Königreich Polen, das zusammen mit Litauen ab 1569 bis 1795 große Teile Osteuropas regierte. Gegenüber seinen Nachbarn Russland und Preußen verlor Polen-Litauen beständig an Macht und Einfluss. Insgesamt dreimal musste sich Polen teilen lassen. Aron war gerade fünf Jahre alt, als der Aufstand von Kościuszko [5] gegen die Russen für ein vereintes Polen 1794 scheiterte und Polen das dritte Mal geteilt wurde [5].

Die Armee von General Suworow belagerte in dieser Zeit Warschau, das die Armee von Kościuszko verteidigte und es ist wahrscheinlich, dass der Vater Arons in dieser unruhigen Zeit durch die plündernde russische Armee von General Suworow [4] umgebracht oder als Soldat in der Armee von Kościuszko getötet wurde. Es gab auch Regime jüdischer Soldaten und Kościuszko versprach für alle Polen zu kämpfen [10]. John Henry Richter schrieb das Todesjahr 1792 in den Stammbaum. Eine Quelle habe ich noch nicht gefunden; was wir gesichert wissen, ist, dass er vor der Geburt Arons noch lebte. Später wuchs Aron alleine mit seiner Mutter in Zempelburg auf, da der Vater ermordet wurde. Zempelburg lag im Königreich Preußen und hatte verglichen mit anderen Städten der Umgebung eine hohe Anzahl an jüdischen Bürgern [6]. Aron nannte sich Aron Israel Roheme nach seiner Mutter [1], das war jüdische Tradition.

Als die Franzosen kamen

Als Aron ein junger Erwachsener war, kamen die Franzosen etwa 1807 nach Zempelburg. Er hatte sich schon als Kaufmann etabliert, wie eine weitere Anekdote aus der Biographie Rudolf Conitzer zeigt: Aron handelte mit seidenen Bändern. Ein französischer Soldat nahm ihm die Seidenbänder ab, um sie einem hübschen Mädchen zu schenken [1]. Aron beschwerte sich, nahm dem Soldaten die Seidenbänder wieder weg und bekam danach wohl den Auftrag, die Bürgerwehr zu gründen, damit in Zukunft der Seidenbanddiebstahl verhindert werden konnte. Eventuell auch, um die preußischen Mädchen vor den „seidigen“ Franzosen zu schützen. Wir wissen es leider nicht genau.

Der Name Conitzer

Im Jahr 1812 beschloss der Staat Preußen das Judenedikt [9]. Das altpreußische Ständesystem hatte nach der Niederlage Preußens gegen Frankreich und dem Frieden von Tilsit im Jahr 1807 ausgedient und sollte ersetzt werden. Ein Teil dieser Reform war das Judenedikt. Es wurde stark von den Bürgerrechten der französischen Revolution 1789, dem Geburtsjahr Arons, beeinflusst. Es besagte, dass alle Juden mit Einkommen und festem Wohnsitz in Preußen Staatsbürger werden mussten. Dieses Edikt war der erste Schritt zur Gleichstellung der Juden im preußischen Staat. Allerdings mussten die zukünftig neuen Staatsbürger einen Namen annehmen. So wurde aus Aron Israel Roheme auf dem Bürgermeisteramt in Zempelburg der preußische Staatsbürger Aron Israel Conitzer.

Die Legende aus der Schreibmaschine Rudolf Conitzers [1] besagt, dass Aron 1812 auf das Bürgermeisteramt zitiert wurde. Dort fragte ihn der Zempelburger Bürgermeister, wo er seine Waren handelte. „In der Conitzer Gegend“, antwortete er. „Wollen Sie nicht Conitzer heißen?“ Er wird mit „Ja“ geantwortet haben. So bekam die Familie ihren Namen, rechtliche Sicherheit und die Freiheit einem Gewerbe nachzugehen, damit sie zu einem preußisch-nationalen Staatsbürgern werden sollten. Wie die Familie Conitzer mit diesen Freiheiten und Rechten umging, wird die weitere Geschichte zeigen.

Liste der Familiennamen

Seite aus der alphabetisch geordneten Liste der neu gewählten Familiennamen der jüdischen Staatsbürger in Westpreußen [3] aus dem Buch „Die jüdische Kaufmannsfamilie Conitzer – Spuren jüdischen Lebens in Tangermünde“ von Petra Hoffman [8]

Man nennt es Leben

Im Jahr 1816 heiratete Aron Israel Conitzer Genendel Kalenscher. Sie bekamen sieben Kinder: Rahel, Flora, Israel, Moses, Alexander, Salomon und Oser. Genendel starb kurz nach der Geburt des jüngsten Sohnes Oser, sodass dieser und die anderen jüngeren Geschwister von der ältesten Tochter Rahel aufgezogen werden mussten.

Aron war zuerst Kaufmann. Später beschäftigte sich Aron vor allem mit seinem jüdischen Glauben und gründete eine Religionsschule. Er schrieb und reparierte Thorarollen [2]. So entwickelte er sich vom Weltlichen ins Spirituelle. Er wurde ein jüdischer Gelehrter, aber nahm Unterricht bei einem Pfarrer, um die deutsche Sprache zu vervollkommnen. Ein Teil des Judenedikts verlangte, dass der Religionsunterricht in deutscher Sprache stattfinden sollte [9]. Aron wurde Lehrer, der die Religionslehre der Juden beherrschte und die deutsche Sprache.

Im hohen Alter, als er bei seinem Sohn Moses wohnte, hielt er an wichtigen Feiertagen die Andacht in einem Raum des grossen Hauses, der für Gottesdienste eingerichtet war [1]. Aus dieser Zeit mag der einzige überlieferte Text sein, den Aron seine Söhne schrieb, in dem er nach Zahlung der vereinbarten Rente fragte [3].

Brief von Aron Israel Conitzer

Brief an die Kinder von Aron Israel Conitzer [3]

 „Liebe Kinder,

da unser Mosche mir gesagt hat, dass ich Euch der Sache in Erinnerung bringen soll, wegen meinem Gehalt, also ist meine Pflichte, dass ich es tun soll, und ich seh noch nicht ein, dass er recht gegen Euch handeln will. Ich selbst sehe ein, dass er jetzt in grossen Gebrauch (?). Es soll alles Leben und gesund sein.

Die liebe Kinder wollen schon die Welt früh mitmachen, wie jetzt die Mode ist und noch dazu in Ausgaben sehr gross in aller Sachen geschätzt ist. Alsdann verlangt er nur von jeden 10 Thaler wöchentlich. Hierbei (?) kann er keine grosse Eroberung machen, den ein lebendiger Mensch so lange erleben tut, muss haben die notwendigste Sachen, nämlich Hemden, und Anzüge, das meiste ist doch die Behausung, Umgang (?). Gott der Almächtige wird auch mein Gehalt in anderen Sachen beglücken, wo Ihr Euch garnicht vorstellen wird. Denn ich muss sagen, was

Recht ist, mit mir ist es sehr nah zu Ende, das merke ich, lang meine Schwäche.

Ich habe gottlob mein Lebenslauf in allen Ehren zugebracht und jetzt soll ich den Range sein, dass ich in den Häusern herumgehen soll oder (?) den das Lebensmittel überschicken lassen. Es wäre mir eine Schande, wenn fremde Menschen erfahren sollen, und für die letzten Bekleidung nämlich der Tuchrock und Schlafrock und Schuhe verlangt er nur von ein jeden 2  Thaler..

Übrigens verbleibe euer treuer Aron, Conitzer.“

Dieser Brief war auf jiddisch geschrieben. Die Schriftsprache des Jiddischen besteht aus hebräischen Buchstaben. Übersetzt hat ihn Agathe Conitzer (verheiratete Pinkus), die Tochter von Salomon (Sally) Conitzer. Die 10 Taler die Woche pro Sohn war damals eine grosse Summe. Rudolf Conitzer schreibt in seiner Biografie, dass er in den ersten Jahren bei seinem Vater 30 Taler im Jahr bekommen hat.

Nach einem Schlaganfall bettlägerig verbrachte Aron Israel Conitzer die letzten 2 Jahre bei seiner Tochter Rahel in Zempelburg. Er starb am 17.08.1873 und ist auf dem jüdischen Friedhof in Zempelburg beerdigt.

Quellen:

  1. „Mein Leben – Selbstbiographie“, Rudolf Conitzer, 1929/30, Berlin
  2. „Familienchronik der Familie Conitzer – Im Wandel der Zeit vom grünen Reis zum Eichenstamm“, Adolf Conitzer, 1930, Schneidemühl
  3. John H. Richter Collection, Identifier: AR 1683 / MF 534, John Henry Richter (1904–1994), Leo Baeck Institute, Box 6, https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/11136
  4. Piotr Bejrowski: The massacre of Warsaw’s Praga District (4 November 1794), https://polishhistory.pl/the-massacre-of-warsaws-praga-district-4-november-1794/
  5. Wikipedia – Kościuszko-Aufstand, https://de.wikipedia.org/wiki/Kościuszko-Aufstand
  6. jüdische-gemeinden.de – Zempelburg (Westpreußen), https://www.xn--jdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeinden/u-z/2153-zempelburg-westpreussen
  7. Wikipedia – Französische Revolution, https://de.wikipedia.org/wiki/Französische_Revolution
  8. „Die jüdische Kaufmannsfamilie Conitzer – Spuren jüdischen Lebens in Tangermünde“, Petra Hoffman, 2025
  9. Wikipedia – Preußisches Judenedikt von 1812, https://de.wikipedia.org/wiki/Preußisches_Judenedikt_von_1812
  10. Wikipedia – Russisch-Polnischer Krieg (1792), Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Polnischer_Krieg_(1792)

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