Moses Conitzer und seine Söhne

Der Zug ratterte und rüttelte. Moses Conitzer und sein Sohn Rudolf saßen in der vierten Klasse des Zuges auf den Bündeln ihrer Packleinwände, die sie zum Einwickeln der Waren mitführten. Sie waren auf dem Weg zur Messe in Frankfurt an der Oder, um neue Waren für ihren Manufakturladen einzukaufen. Die vierte Klasse war die günstigste Klasse der preußischen Eisenbahn. Sie ähnelte eher einem Güterwagen, als an einen Personenzug. Abteile gab es nicht und ebenso keine Sitzplätze. Vielleicht redete Rudolf. Begeisterte sich an den neuen Erfindungen des Industriezeitalters. Erörterte, welche Chancen diese Veränderungen für ihr eigenes Geschäft bedeuteten. Oder sie schwiegen. Träumten von der Zukunft. Zeitungsanzeigen von zukünftigen Sonderangeboten. Günstigen Preisen. Vielen neuen Kunden. Vater und Sohn waren wichtig für den späteren Erfolg von M. Conitzer & Söhne. Ihre Sparsamkeit war ein Eckpfeiler um diese Unternehmung zum Erfolg zu führen.

Umzug nach Jeschewo

Moses Juda Conitzer wurde 1820 als viertes Kind von Aron Israel in Zempelburg Westpreußen geboren. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Alexander ließ er sich 1848 in dem Dorf Jeschewo nieder und gründete einen Manufakturladen. Jeschewo liegt 70 km von Zempelburg entfernt. Als Moses 1850 Ernestine Bennheim heiratete, zog sein Bruder Alexander aus und gründete mit dem jüngsten Bruder Oser einen neuen Laden. Als Alexander heiratete, zog Oser aus und gründete das dritte Geschäft. Moses bekam sieben Kindern, Alexander neun und Oser ebenfalls neun Kinder, dazu kamen noch die Ehefrauen und der Großvater. In Jeschewo wohnten bald 32 Conitzer [2] und es gab drei Manufakturläden. Angeblich führte die Konkurrenz nicht zu Streit in der Familie. Dieser Zusammenhalt in der Familie sollte der zweite Eckpfeiler für den Erfolg des Kaufhauskonzerns sein.

Das neue Haus

Das erste Haus in Jeschewo war bald zu klein für die heranwachsende Familie und so musste ein neues Haus gebaut werden. Allerdings zeigten sich nun die Streitigkeiten im Dorf laut der Selbstbiografie von Rudolf Conitzer [1]. Die alteingesessenen, polnischen Bewohner versuchten die Baugenehmigung zu verhindern, in dem sie das Gerücht verbreiteten Moses hätte nicht genug Geld zum Bauen. Zum Beweis seiner vorhandenen Geldreserven kaufte Moses noch ein zweites Grundstück neben dem ersten. Die Baugenehmigung konnte offenbar nicht verhindert werden, also finanzierten die Polen dem Nachbarn von Moses ein günstiges Haus sehr nah an der Grenze des neuen Grundstückes, so erschwerten sie den Bau weiter. Aber Moses baute 1857 das neue Haus und die Familie konnte weiter wachsen. Zu den schon existierenden drei Kindern Rudolf, Sara und Rahel  kamen noch vier weitere hinzu: Nathan, Alexander, Hermann und Lothar. In dem neuen Haus wurde ein Gebetsraum eingerichtet, was das Leben an den jüdischen Feiertagen sehr vereinfachte. Der Vater von Moses, Aron Israel Conitzer, sprach das Gebet. Die Kunden gingen zum Gottesdienst in das Haus Moses Conitzers und kauften später im Manufakturladen ein. Wie man an diesem Beispiel sieht, war Aufgeben offensichtlich keine Möglichkeit für die Conitzers. Auch diese Eigenschaft sollte bald von großem Vorteil sein.

Digital aufbereitetes Bild: Moses Juda Conitzer, der Gründer von M. Conitzer & Söhne [4]

Eisenbahnbau

In Preußen ging die industrielle Revolution weiter. Es wurden Fabriken gebaut und Transportwege von den Fabriken in die Städte und zu den Häfen. Die Waren und Rohstoffe mussten effizient transportiert werden. Obwohl Jeschewo ein Dorf war, hatte diese Entwicklung Einfluss auf die Menschen dort und besonders für Moses. Die Linie der preußischen Ostbahn von Bromberg nach Königsberg führte in der Nähe des Dorfes vorbei. In der Zeit des Baus wurden viele Arbeiter benötigt, die gutes Geld verdienten. Ein Teil des Geldes wanderte in den Manufakturladen und so verdiente auch Moses Conitzer an der industriellen Entwicklung mit. Er konnte sein Geschäft erweitern, gründete einen landwirtschaftlichen Betrieb und baute ein weiteres Mietshaus [1]. In Westpreußen gab es in diesen Jahren ausnahmsweise keinen Krieg. Das Deutsche Reich wurde geboren unter der Führung Preußens. Es besiegte in den Deutschen Einheitskriegen zuerst 1864 Dänemark, dann 1866 Österreich und schließlich 1871 Frankreich [8]. Das Königreich Preußen verwandelte einen Flickenteppich an Fürstentümern in das Deutsche Reich. Dieser Wandel und Aufbruch in eine neue Zeit war überall zu spüren. Zölle wurden abgebaut, Märkte erschlossen und es gab insgesamt einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Reparationen aus Frankreich [6]. Diese Veränderung wurde auch in Moses Conitzers Geldbeutel spürbar. Er schwoll an. Er hatte mit seinem Manufakturladen genug Geld verdient, um seinen Söhnen Nathan, Alexander und Hermann 1882 die Gründung eines eigenen Geschäfts zu ermöglichen [5]. Es sollte lediglich eine kleine Rente für ihn dabei abfallen. Solange Moses lebte, wird er diese Rente pünktlich erhalten haben.

Digital aufgearbeitetes Bild zum Fest der Verlobung von Alexander Conitzer mit Daja Dorothea Müller etwa 1890 im Garten von Moses und Ernestine Conitzer. Auf dem Bild sind zu sehen von links nach rechts: Herta Conitzer (später Davis), Sara Flatauer (geb. Conitzer), Lesser Flatauer (?), Ernestine Conitzer (geb. Bennheim), Bruno Marcus, Daja Dorothea Müller, Alexander Conitzer, Moses Conitzer, Arthur Marcus, Ernestine Bieber, Rahel Marcus (geb. Conitzer). Das Bild stammt aus der Sammlung John Henry Richter [3] und wurde ihm von Magarete Jacoby (geb. Conitzer) übergeben. Die Namen stammen von Erna Cohn (geb. Conitzer).

M. Conitzer & Söhne

Es sollte ein modernes Kaufhaus werden. Rudolf gründete bereits 1878 ein eigenes Kaufhaus in Schwetz [1]. Nathan ging in Osnabrück in die Lehre und brachte interessante Neuerungen mit, die Rudolf in Schwetz ausprobierte. Waren wurden nur noch bar bezahlt. Anschreiben war nicht mehr möglich. Die Waren konnten angeschaut und anprobiert werden. Sogar das Zurückgeben der Ware, sollte sie wider Erwarten nicht gefallen, war möglich. Siehe [4] und [5]. Mit diesem neuen Konzept gründeten Kaufleute überall im Deutschen Reich Kaufhäuser nach dem Vorbild der grossen Metropolen in London, Paris oder New York. Die Familie Wertheim eröffnete 1875 ein erstes Kaufhaus in Stralsund, Rudolph Karstadt 1881 in Wismar und Hermann Tietz 1882 in Gera [7]. Jeschewo war zu klein für diese Entwicklung. So zog die Familie weiter nach Marienwerder eine kleine Stadt etwas südlich von Danzig und gründete dort 1882 das erste Kaufhaus M. Conitzer & Söhne und war somit ein Teil dieser ersten Geschichte der Kaufhäuser in Deutschland [5]. Moses gab das Geld und das M im Namen. Die drei Söhne Nathan, Alexander und Hermann gaben den zweite Teil des Namens, die Idee und die Umsetzung. Vater und Mutter halfen hinter dem Tresen. Zwei Jahrzehnte später sollte der Konzern 22 Kauhäuser [4] in ganz Deutschland umfassen. Moses Conitzer starb am 05.02.1902 in Marienwerder und liegt auf dem jüdischen Friedhof der Stadt begraben [3].

Stammbaum: Aron Israel Conitzer | Moses Juda Conitzer

Quellen:

  1. „Mein Leben – Selbstbiographie“, Rudolf Conitzer, 1929/30, Berlin, Link:https://links.cjh.org/primo/lbi/CJH_ALEPH000200579
  2. „Familienchronik der Familie Conitzer – Im Wandel der Zeit vom grünen Reis zum Eichenstamm“, Adolf Conitzer, 1930, Schneidemühl in [3]
  3. John H. Richter Collection, Identifier: AR 1683 / MF 534, John Henry Richter (1904–1994), Leo Baeck Institute, Box 6, https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/11136
  4. Walter E. Schulz: Der Conitzer-Konzern und seine Anschlusshäuser. In: Industrie-Bibliothek, Die Illustrierte Zeitschrift der deutschen Wirtschaft, 4. Jahrgang 1928 (Band 31), S. 54–68. (OCLC 990313861)
  5. Wikipedia – M. Conitzer & Söhne, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/M._Conitzer_%2526_S%C3%B6hne
  6. Wikipedia — Deutsche Reichsgründung, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Reichsgr%C3%BCndung
  7. Carola Nathan, Licht und Leute, Link: https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2009/5/licht-und-leute.php
  8. Wikipedia – Deutsche Einheitskriege, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Einigungskriege

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