Anzeige M. Conitzer & Söhne, Der Gesellige, Graudenzer Zeitung

Das „Baarsystem“ oder wie M. Conitzer & Söhne ihr erstes Kaufhaus in Marienwerder eröffneten

Das Ergebnis war ernüchternd. Die Zahlen standen in Kolonnen unter- und nebeneinander und die Summe der Einkünfte des ersten Jahres ihres neuen Kaufhauses in Marienwerder stand schwarz auf weiss unter dem Strich. Die Brüder waren enttäuscht.  Sie hatten alle bereits mehrmals nachgerechnet. Die Zahl stimmte, nur leider war sie zu niedrig. Sie würden mit ihrem Vater reden müssen. Dieses Projekt musste abgebrochen werden. Nur ließ ihr Vater nicht mit sich reden, abgebrochen werden musste hier auf jeden Fall nicht das Geschäft sondern dieses Gespräch. Aufgeben war keine Option für Moses Conitzer. So sehr sich Nathan, Alexander und Hermann auch abmühten, ihr Vater war nicht zu überzeugen. Im Gegenteil, er war sehr guter Laune und freute sich auf das nächste Jahr. Sorgen um seine Rente machte er sich nicht. Diese Rente hatte er sich in den Geschäftsvertrag geschrieben, als er seinen Söhnen das Geld zur Eröffnung des Kaufhauses gab. So oder so ähnlich wird es gelaufen sein, beschrieben in der Selbstbiographie von Rudolf Conitzer [1].

Das Kaufhaus der Familie Conitzer in Marienwerder wurde am 01.02.1882 unter dem Namen „Kaufhaus M. Conitzer & Söhne“ eröffnet [4]. Ihr „Baarsystem“ Konzept sollte das Einkaufen in Marienwerder für immer verändern. In den Kaufhäusern und Läden in Marienwerder war es bisher üblich, wie in fast allen Geschäften des deutschen Reiches, dass die Kunden anschreiben konnten. Der Betrag wurde in ein dickes Buch eingetragen und konnte in Raten zurückgezahlt werden. Der Preis für die Ware war verhandelbar, so konnte der reiche Gutsbesitzer eventuell einen besseren Preis bekommen, da seine Frau den Putz für ihren Damenhut öfter wechselte. Putz nannte man damals die Verzierungen am Hut der Damen.

Bild 1: Anzeige zur Eröffnung M. Conitzer & Söhne Marienwerder am 01.02.1882 (Quelle: [2])

Das „Baarsystem“ funktionierte wie folgt: Die Preise waren fest und nicht verhandelbar. Der Preis für den Damenhut mit Putz beispielsweise galt gleichermaßen für die Magd, wie für den Landvermesser oder Gutsbesitzer. Den Damenhut vorher zu begutachten zur Feststellung der Qualität war ausdrücklich erlaubt. Dazu wurden besonders gut beleuchtete Verkaufsräume bereitgestellt. Der Putz für den Hut musste nicht sofort gekauft werden, sollte der Lohn in dieser Woche nicht reichen, weil der Gatte das Geld bereits in Bier angelegt hatte. Allerdings, wenn die Kaufentscheidung für den Damenhut gefallen war, musste er in bar bezahlt werden. Hatte die Ehefrau sich entschieden den Putz zu kaufen, so konnte er umgetauscht werden, wenn der besten Freundin der Putz gar nicht gefiel, weil er nicht mehr in Mode war. Es gab im Kaufhaus eine grosse Auswahl an Putzwaren, denn die Fabrik lieferte dem Kaufhaus M. Conitzer & Söhne verschiedene Arten, etwa Straussenfedern oder Seidenbänder in großer Stückzahl und das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne zahlte in bar. Durch das “Baarsystem” konnten die Kaufhäuser den Preis im Vergleich zum Spezialgeschäft reduzieren (vergleiche Bild 1, dort ist von 18% die Rede).

Marienwerder Westpreussen Markt+Marienburger Strasse

Bild 2: Erstes Kaufhaus M. Conitzer & Söhne in Marienwerder, Marienburger Str. 1 (Quelle: [4]), Gebäude im Bild ganz rechts

Die Bürger gewöhnten sich an das „Baarsystem“ oder mussten dazu erzogen werden [3]. Später beichtete Moses Conitzer seinen Söhnen, dass er im ersten Jahr 6.000 Reichsmark aus der Kasse genommen hatte, diese Summe sollte als Sicherheit dienen. So steht es auch in der Biographie von Rudolf Conitzer [1]. Das Kaufhaus lief so gut, dass die Familie bereits vier Jahre später, im Jahr 1886 [4], ein neues modernes Kaufhaus baute. Dieses Kaufhaus sollte allen Anforderungen eines modernen Kaufhauses erfüllen. Es wurden grosse Schaufenster eingebaut, die verschiedenen Etagen waren über Lifte erreichbar und die Räume von einer Zentralheizung beheizt. Das alte Haus in der Marienburger Strasse 1 diente danach ausschliesslich dem Verkauf von Damen- und Herrenbekleidung. Es  wurde von Hermann Conitzer geleitet [4].

Marienwerder Westpreussen Markt + Dom

Bild 3: Zweites Kaufhaus M. Conitzer & Söhne, Marienwerder, Am Markt 7 und 8 (Quelle: [4]), Gebäude im Bild ganz rechts

Heute ist das “Baarsystem” eine Selbstverständlichkeit. Damals war es allerdings selbstverständlich den Preis der Ware zu verhandeln und anzuschreiben, also auf Kredit zu kaufen. Das “Baarsystem” war daher eine Innovation und eine Neuerung für die Kunden.  Die jüdischen Kaufhausbesitzer mussten anfangs Überzeugungsarbeit leisten. Sie alleine trugen das Risiko der Einführung, weil sie von dem Erfolg überzeugt waren. Das „Baarsystem“ hat sich durchgesetzt und funktioniert heute genauso wie damals.

Quellen:

  1. „Mein Leben – Selbstbiographie“, Rudolf Conitzer, 1929/30, Berlin, Link:https://links.cjh.org/primo/lbi/CJH_ALEPH000200579
  2. John H. Richter Collection, Identifier: AR 1683 / MF 534, John Henry Richter (1904–1994), Leo Baeck Institute, Box 6, https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/11136
  3. Walter E. Schulz: Der Conitzer-Konzern und seine Anschlusshäuser. In: Industrie-Bibliothek, Die Illustrierte Zeitschrift der deutschen Wirtschaft, 4. Jahrgang 1928 (Band 31), S. 54–68. (OCLC 990313861)
  4. Wikipedia – M. Conitzer & Söhne, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/M._Conitzer_%2526_S%C3%B6hne
  5.  Ursula Töller, M. Conitzer & Söhne – Ein jüdischer Warenhauskonzern, 2025, Nomos Verlag, ISBN 978-3-7560-3062-0
  6.  Kwidzyn Museum, Kaufhäuser – M. Conitzer & Söhne, Łukasz Rzepczyński, Link: https://kwidzyn-muzeum-lukasz.blogspot.com/2012/02/m-conitzer-sohne-cz-1.html

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