Rudolf Conitzer

Rudolf Conitzer – ein Gründer aus dem 19. Jahrhundert

Am 14.05.1914 notierte die westpreussische Zeitung „Die Presse“ aus Thorn, dass Graf Schwanenfeld-Schwerin und der Kaufmann Rudolf Conitzer einen Teil der Kosten des Kleinbahnprojekts Laskowitz-Schwetz übernehmen werden [2]. Der Kaufhausbesitzer und der Landgutbesitzer oder der Kaufmann und der Adlige wollten zusammen eine Bahn für die Stadt Schwetz in Westpreußen finanzieren. Zu diesem Zeitpunkt war Rudolf Conitzer 63 Jahre alt, mehrfacher Kaufhausbesitzer und Kreistagsmitglied in Schwetz.

Auf Anregung des Grafen von Schwanenfeld-Schwerin auf Sartowitz wird das Kleinbahnprojekt umgearbeitet. Die dadurch entstehenden Kosten übernehmen größtenteils Graf Schwanenfeld und Kaufmann Rudolf Conitzer.

Zitat aus der Zeitung “Die Presse, Ostmärkische Tageszeitung, Thorner Presse”
erschienen am 14.05.1914, siehe [2]

Rudolf Conitzer kam am 8. Mai 1851 in Jeschewo einem kleinen Dorf in Westpreussen auf die Welt. Sein Vater Moses Conitzer und seine Mutter Ernestine Bennheim hatten gerade geheiratet. Sie nannten ihn Robert. Er verlor seinen Namen allerdings an die Oper „Robert der Teufel“ von Giacomo Meyerbeer [4]. Nachdem seine Mutter die Oper gesehen hatte, hieß er Rudolf. Da es in Jeschewo keine weiterführende Schule gab, ging er zuerst nach Tuchel, um dort mit seinen Vettern Louis Jakob1 und Hermann Tuchler in eine jüdische Privatschule zu gehen. Er wohnte bei einem Onkel. Später zog er nach Schwetz zu einem anderen Onkel und ging dort in die Bürgerschule.

Mit 13 Jahren wurde er eingesegnet2 und damit erwachsen. Er verließ Jeschewo und ging in die Lehre nach Hohensalza (polnisch: Inowroclaw) zum Kaufmann Jacobsohn. Einer der Inhaber nannte ihn einen Kommerzienvogel. Vier Wochen hielt er es bei Jacobsohn aus, dann kehrte er zurück zu seinen Eltern nach Jeschewo. Sie brauchten unbedingt seine Hilfe im elterlichen Kaufmannsladen, schrieb Rudolf Conitzer in seiner Biographie [1], deshalb musste er seine Lehre abbrechen. Aber in den vier Wochen Lehre hatte er genug Wissen aufgebaut, um den Kaufmannsladen seines Vaters nach den neuesten kaufmännischen Prinzipien umzugestalten.

Sein Vater, Moses Conitzer, war nun sein Lehrmeister oder vielleicht war es Rudolf auch selbst. Jedenfalls bekam Rudolf immer mehr Verantwortung von seinem Vater übertragen und lernte das Handwerk des Kaufmanns in seinem Heimatdorf Jeschewo. Sein Vater vertraute Rudolf, und damit wählte er intuitiv das richtige Ausbildungsprogramm für seinen Sohn. Denn nicht nur den Kaufmannsladen organisierte Rudolf neu, auch den Obstgarten legte er nach streng geometrischen Prinzipien an, und führte mit dem Knecht den landwirtschaftlichen Betrieb. Nebenbei verdiente er Geld als Volksanwalt und verteilte Rat an Hilfsbedürftige, wie beispielsweise an einen Mann, der sich nicht mehr mit seiner Frau verstand und die Scheidung wollte, jedoch nicht auf seinen Teil des Hauses verzichten konnte. Rudolf riet ihm Schulden auf das Haus aufzunehmen und sie nicht zurückzuzahlen. Den Erlös durch die Zwangsversteigerung konnten sich er und seine Frau dann teilen. Rudolf bekam ein paar Prozente des Geldes ausbezahlt. So baute er langsam sein Vermögen auf. Später widmete er sich der Vermittlung von polnischen Arbeitskräften in das Kernland des deutschen Reiches. Die genauen Umstände kann man in seiner Selbstbiographie nachlesen [1].

Nach 27 Jahren hatte er für seinen Vater genug umorganisiert und aufgebaut und konnte 13 Kilometer weiterziehen, um in Schwetz (poln. Świecie) 1878 mit seinem Geld ein eigenes Geschäft mit dem Namen Kaufhaus Rud. Conitzer zu eröffnen. Ebenso wie das Kaufhaus in Marienwerder, das vier Jahre später von seinem Vater und Brüdern gegründet werden würde, setzte er auf feste Preise und Barzahlung. Seine Brüder Nathan und Alexander würden später auf den Erfahrungen von Rudolf aufbauen und mit ihrem Vater Moses das erste Kaufhaus M. Conitzer & Söhne in Marienwerder eröffnen. Rudolf half ihnen vor allen mit Ratschlägen, beispielsweise wählte er den Standort des ersten Kaufhauses aus und verhandelte den Mietvertrag.

In seinem Kaufhaus beschäftigte er zuerst einen Angestellten und einen Lehrling. Außerdem half seine Schwester Rahel im Geschäft und im Haushalt aus, zu dem auch sein jüngerer Bruder Lothar gehörte, der in Schwetz auf das Gymnasium ging, um Arzt zu werden. Seinem Kaufhaus ging es gut, und er musste immer mehr Personal einstellen. Damals wurde das Personal beim Dienstherren zu Hause verköstigt und Rudolf erkannte: Er musste dringend heiraten. Sein Haus sollte besser organisiert und verwaltet werden. Nachdem seine erste Verlobung platzte, wurde Rudolf von mehreren Seiten die Tochter des Getreidehändlers Dobrynski empfohlen. Rosa Dobrynski und Rudolf heirateten 1880, bekamen 2 Kinder, Alfred und Käthe. Sein Kaufhaus wuchs weiter und nach 36 Jahre und 11 Umbauten hatte das Kaufhaus eine Zentralheizung, 12 Schaufenster, einen Lichthof in der Mitte und eine Lichtanlage. Das Kaufhaus Rud. Conitzer beschäftigte 40 Mitarbeiter und war das größte am Platz. Er hatte sogar Zeit zu reisen und verbrachte einen Urlaub mit seiner Frau in Ägypten.

Rud. Conitzer [Anzeige], in: Der Gesellige: Graudenzer Zeitung, 14.03.1897

Als Rudolf sein Kaufhaus eröffnete befand sich das Deutsche Reich in einem Aufschwung. Die Industrialisierung setzte sich durch. In Schwetz wohnten 1878 etwa 6000 Menschen [7], Polen und Deutsche. Es lag allerdings ausserhalb der Zentren des Wachstums dem Ruhrgebiet oder Schlesien, denn es gab in Schwetz sehr wenig, dass der Industrialisierung direkt half. Es gab keine Kohle und keinen Eisenerz oder andere interessante Rohstoffe. Es gab Landwirtschaft und vor allem Zuckerrüben. Immerhin gründete sich daher in Schwetz eine Zuckerfabrik und Rudolf Conitzer war an ihr beteiligt [1]. Zusätzlich kam 1888 die Eisenbahn nach Schwetz. Die Einwohner aus Schwetz und Umgebung wollten die Änderungen durch die Moderne auch in ihrem Alltag erfahren, beispielsweise durch das Tragen der neuesten Moden aus den Metropolen Berlin oder Paris, daher lief das Kaufhaus gut und konnte immer wieder erweitert werden.

Kaufhaus Rud. Conitzer in Schwetz, Quelle: Kwidzyn Marienwerder – Łukasz Rzepczyński, Link: https://kwidzyn-muzeum-lukasz.blogspot.com/2012/02/m-conitzer-sohne-cz-4.html

Im Jahre 1909 verließ Rudolf Schwetz und zog nach Berlin. Dort sollte er zusammen mit seinem Bruder Alexander die Einkaufszentrale des gesamten Conitzer Konzerns, zu dem sein Kaufhaus, die Kaufhäuser M. Conitzer & Söhne seiner Brüder Nathan, Alexander und Herrmann und weitere Kaufhäuser Conitzer & Co seiner Cousins gehörten, leiten. Der Bürgermeister von Schwetz bat ihn danach einen Zweitwohnsitz in Schwetz zu behalten, damit er weiterhin Kreistagsabgeordneter bleiben und sein Geld in die oben genannte Kleinbahn stecken konnte. Zusätzlich sorgte er für einen Stadtpark, eine kaufmännische Schule und schaffte für die Stadt ein Motorboot an, dass die Menschen über die Weichsel nach Culm (polnisch: Chelmno) bringen konnte [1]. 1913 gründete er in Bromberg (polnisch: Bydgoszsz) eine der größten Filialen von M. Conitzer & Söhne [1]. Sein Sohn Alfred sollte das Kaufhaus leiten, der hatte aber einen anderen Plan und heiratete Erna Struck in Berlin und blieb dort wohnen.

Kaufhaus M. Conitzer & Söhne Bromberg (poln. Bydgodszcz), Quelle: archive.org, Link: https://archive.org/details/kpbc.umk.pl.pocz_0008_242655

Nach dem ersten Weltkrieg wurden das Kaufhaus in Schwet und Bromberg verpachtet. Letzteres wurde an die polnischen Kaufleute Chudzinski & Maciejewski übergeben [5]. Denn Schwetz und auch Bromberg wurden polnisch und den Deutschen wurde es unmöglich gemacht in Polen weiter Geschäfte zu betreiben. Rudolf behielt nur noch den Wohnsitz in Berlin. Leider waren die polnischen Kaufleute nicht so erfolgreich und kündigten den Pachtvertrag einige Jahre später wieder [6]. So musste er das Kaufhaus in Schwetz 1929 zu einem Drittel des Wertes verkaufen [1]. Seine geliebte Frau Rosa war 1919 leider verstorben. Rudolf lebte alleine in Berlin in der Nähe seiner Kinder und drei Enkelkinder. Wirtschaftlich beteiligte er sich an weiteren Gründungen von M. Conitzer & Söhne in Friedrichshagen und beim Einstieg in das Kaufhaus in Hildesheim. Er war weiter leitend in der Einkaufsgesellschaft, der Webwaren AG in Berlin aktiv. Rudolf Conitzer starb am 20.09.1932 mit 81 Jahren in Berlin. Er ist mit seiner Frau Rosa auf dem jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin begraben.

Grab von Rudolf und Rosa Conitzer auf dem jüdischen Friedhof
in Berlin Weissensee, Quelle: Valentina Holt (2025)

Die Kleinbahn von Schwetz nach Laskowitz wurde nie gebaut. Ob sich Rudolf Conitzer und der Graf von Schwanenfeld-Schwerin persönlich kannten ist leider nicht übermittelt. Die Söhne der beiden Männer mussten später unter den Nationalsozialisten leiden. Der Sohn des Grafen war ein Teil der Verschwörer gegen Hitler, die 1944 das Attentat gegen ihn ausführten, das leider misslang. Graf Ulrich von Schwanenfeld-Schwerin wurde hingerichtet [8]. Der Sohn des jüdischen Kaufmanns Alfred Conitzer floh 1941 vor den Nationalsozialisten nach Bolivien.

Rudolf Conitzer hat uns seine Lebenserinnerungen hinterlassen [1], dafür kann man ihn nur loben. In Schwetz findet man auch heute noch die Spuren von Rudolf Conitzer. Das Gebäude des Kaufhauses steht noch.

Ehemaliges Kaufhaus Rud. Conitzer in Schwetz, Quelle: Valentina Holt (2025)

Stammbaum: Aron Israel Conitzer | Moses Juda Conitzer | Rudolf (Robert) Conitzer

Fußnoten:

1 Louis Jacob ist der Vater von Gertrud Conitzer. Sie war mit Arthur Conitzer verheiratet einem Neffen von Rudolf Conitzer. Sie gründeten später das Kaufhaus Conitzer & Co in Tangermünde.

2 Einsegnung bezeichnet hier wahrscheinlich die Bar Mitzwa, die, ähnlich der Konfirmation bei den Protestanten, den Eintritt in die Kirche bezeichnet.

Quellen:

  1. „Mein Leben – Selbstbiographie“, Rudolf Conitzer, 1929/30, Berlin, Link: https://links.cjh.org/primo/lbi/CJH_ALEPH000200579
  2. Provinzialnachrichten, in: Die Presse : Ostmärkische Tageszeitung Anzeiger für Stadt und Land, Seite 6, 14.05.1914, Link: https://archive.org/details/kpbc.umk.pl.KM_01427_1914_036_168588/page/n5/mode/2up [Zugriff: 07.03.2026]
  3. Kwidzyn Marienwerder – Łukasz Rzepczyński (Sprache: polnisch), M. Conitzer & Söhne Teil 4/4, Link: https://kwidzyn-muzeum-lukasz.blogspot.com/2012/02/m-conitzer-sohne-cz-4.html
  4. Wikipedia – Giacomo Meyerbeer, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Giacomo_Meyerbeer
  5. M. Conitzer & Söhne Bromberg [Anzeige zur Geschäftsübergabe], in: Deutsche Rundschau in Polen, Seite 3, 10.02.1922, Link: https://archive.org/details/jbc.bj.uj.edu.pl.NDIGCZAS022448_74333764/page/3/mode/1up [Zugriff: 07.03.2026]
  6. M. Conitzer & Söhne Bromberg [Anzeige zur Verpachtung des Kaufhauses], in: Deutsche Rundschau in Polen, Seite 7, 08.05,1927, Link: https://archive.org/details/jbc.bj.uj.edu.pl.NDIGCZAS022448_74339305/page/7/mode/1up?q=Conitzer
  7. Wikipedia – Świecie, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/%C5%9Awiecie
  8. Wikipedia – Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Wilhelm_Graf_Schwerin_von_Schwanenfeld

About The Author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert