Die Klagen des Detaillistenvereins zu Coburg gegen M. Conitzer & Söhne

Prolog

Am 17.05.1903 (vergl. [1]) stand in der Coburger Zeitung ein kleiner Text, der die Einzelhändler in Coburg und deren Detaillistenverein bald in große Aufruhr versetzen sollte. Der Text lautete: „Besitzwechsel – Das Hotel Leuthäuser geht von Mitte Juni ab in den Besitz einer Gothaer Firma über, die das Gebäude zu einem großen Warenhaus ausbauen will“.

Am 06.06.1903 (vergl. [2]) trugen die Brüder Sally und Julius Israelski die Firma M. Conitzer & Söhne als Zweigniederlassung ihres Kaufhauses gleichen Namens in Gotha in das Handelsregister des Herzogtums Coburg ein. Die Geschäftsführer waren Max Frank, verheiratet mit Jenny Auguste Israelski, und Adolf Friedländer, verheiratet mit Lisa Israelski. Jenny Auguste und Lisa waren die Schwestern von Sally und Israel.

Es ist ein Drama in 4 Akten geworden. Die Eröffnung eines Kaufhauses und die Klagen der Detaillisten werden in Kürze vorgestellt.

1. Akt – Die Eröffnung

Das Hotel Leuthäuser war vorher der Gasthof „Zum weißen Schwan“ gewesen. Beide galten zu ihrer Zeit als die ersten Häuser in der Stadt Coburg. Es stiegen dort viele bekannte Gäste ab. Erwähnen könnte man Goethe, Otto von Bismarck oder Kaiser Pedro II aus Brasilien (vergl. [3]).

Ab dem 12. September 1903 zog das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne in die Spitalgasse 19 in Coburg ein (siehe Anzeige der Firma M. Conitzer & Söhne in der Coburger Zeitung, Abb. 1) und eröffnete dort ein Kaufhaus. Ab diesem Zeitpunkt war ganz Coburg Gast in den Räumen der Spitalgasse 19 und konnte dort die Waren des neuen Geschäfts begutachten und in bar einkaufen zu festen Preisen. Hier galt, wie auch in Marienwerder, das neue “Baarsystem” als Geschäftsprinzip.


M. Conitzer & Söhne Eröffnung 1903

Abb. 1: M. Conitzer & Söhne Eröffnung (1903) [Anzeige], in:Coburger Zeitung, 10.09.1903, Seite 4,

Die Coburger Zeitung berichtete nicht weiter vom Ereignis der Eröffnung des Kaufhauses.

2. Akt – Der unlautere Wettbewerb

Am 8. Dezember 1903 erschien in der Coburger Zeitung eine Anzeige der Firma G. Stulpe Nachfolger und dessen Inhaber Gustav Nonnenmacher immerhin ein herzoglicher, sächsischer Hoflieferant (siehe Abb. 2).


G. Stulpe Nachfolger Anzeige 1903

Abb. 2: G. Stupe Nachfolger (1903) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 08.12.1903, Seite 4

In dieser Anzeige erlaubte sich die Firma und dessen Inhaber auf eine Klage wegen unlauteren Wettbewerbs gegen die Firma M. Conitzer & Söhne hinzuweisen. Tatsächlich hatte der Detaillistenverein zu Coburg eine Klage beim Handelsgericht in Meiningen gegen M. Conitzer & Söhne eingereicht (Abb. 4). Die Beklagte, die Firma M. Conitzer & Söhne, antwortete auf diese Erklärung von G. Stulpe Nachfolger in der Coburger Zeitung am nächsten Tag mit einer eigenen Erklärung (Abb. 3). Dort wird erklärt worin „das schwere Verbrechen des unlauteren Wettbewerbs“ besteht.


M. Conitzer & Söhne Erklärung 1903

Abb 3: M. Conitzer & Söhne (1903) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 09.12.1903, Seite 4

Was war passiert? Das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne Coburg war eine Zweigstelle des Kaufhauses gleichen Namens in Gotha. In den Städten Marienwerder, Marienburg und Brandenburg gab es ebenfalls Kaufhäuser mit gleichem Namen. Die Namen der Städte hatte das Kaufhaus in der Ankündigung der Eröffnung (Abb. 1) und weiteren Anzeigen zu Sonderangeboten ebenfalls abgedruckt, damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass es mehrere Kaufhäuser in Deutschland gab, die sich zum Einkauf von Waren zusammengeschlossen hatten. Diese Kaufhäuser waren zwar vor Ort eigenständig, kauften aber trotzdem gemeinsam ein.

In Abb 3. heisst es: „Unsere Preise sind streng reell. Durch gemeinsamen Einkauf mit den gleichnamigen Geschäften Marienwerder, Marienburg, Brandenburg, Gotha begünstigt, sind wir bestrebt, diese Vorteile unseres nach über ca 3 Millionen zählenden Umsatzes den die Firmen M. Conitzer und Söhne aufzuweisen haben, nach Preisbemessung und Qualität der Waren unseren verehrten Abnehmern zu Gute kommen zu lassen.“

Am 11.12.1903 veröffentlichte der Detaillistenverein, ein Zusammenschluss der Einzelhändler (damals Detaillisten) in Coburg, eine eigene Erklärung in der Coburger Zeitung. Dort heisst es: „Zweck unseres Vereins ist die Wahrung der Interessen des Detaillistenstandes, insbesondere die Bekämpfung aller unreelen Geschäftsbetriebe und eines auf Täuschung des Publikums berechneten Reklamewesens etc. etc. Auf Grund dieses Statuses war es unsere Pflicht, gegen die Firma M. Conitzer & Söhne vorzugehen, und ist es landesgerichtlich festgestellt worden, daß diese Firma sich des unlauteren Wettbewerbes schuldig gemacht hat.“


Detaillisten-Verein Anzeige 1903

Abb 4: Detaillisten-Verein zu Coburg (1903) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 11.12.1903, Seite 4

Tatsächlich berichtete die Coburger Zeitung am 14.02.1904 über das Urteil des Landgerichts Memmingen (vergl. [4]). Dort wird der Klage des Detaillisten Vereins gegen die Firma M. Conitzer & Söhne wegen unlauterem Wettbewerb recht gegeben. In der Urteilsbegründung heisst es: „In der Sache selbst war dem Klageantrag stattzugeben.“

Das Landgericht gibt der Klägerin in dem Sinne Recht, dass es sich bei M. Conitzer & Söhne nicht um eine gemeinsame Firma der Standorte Marienwerder, Marienburg, Brandenburg, Gotha und Coburg handele, in der jede Filiale für etwaige Verluste der anderen einspringe, sondern jede Filiale ein eigenständiges Geschäft sei. Daher dürfe das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne in Zukunft weder auf ihrem Schild noch in Anzeigen auf die anderen Filialen in Brandenburg, Marienwerder und Marienburg hinweisen. Die Kunden würden sonst irregeführt, da es suggeriere die Firma M. Conitzer & Söhne mit Hauptsitz in Gotha hätte 4 Niederlassungen. In Wahrheit sei es aber nur eine. Die Hauptniederlassung Gotha dürfe angegeben werden, da Coburg eine Zweigstelle dieser Filiale sei.

Wie man in Abb 5. sieht, wurde sich nun von der Firma M. Conitzer & Söhne daran gehalten.


M. Conitzer & Söhne Anzeige 1904

Abb 5: M. Conitzer & Söhne (1904) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 15.03.1904, Seite 4

3. Die Eskalation

Die Geschäfte des Kaufhauses liefen in den nächsten Jahren offenbar so gut, dass im Jahr 1908 beschlossen wurde das alte Haus in der Spitalgasse 19 abzureissen und ein neues Kaufhaus zu bauen (vergl. [1]).

Am 08.03.1910 eröffnete ein neues, hochmodernes Geschäft in der Spitalgasse 19 (Abb 6). In der Anzeige wurde auf die Fahrstühle hingewiesen und, dass es sich bei dem Kaufhaus M. Conitzer & Söhne, um das „größte und modernste Geschäftshaus im weitesten Umkreise“ handele. Eine Zentralheizung war auch vorhanden.


Neues Kaufhaus 1910

Abb 6: M. Conitzer & Söhne (1911) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 08.03.1910, Seite 4

Dem Detaillisten-Verein wird dieses neue Kaufhaus nicht gefallen haben. Die Köpfe des Detaillisten-Vereins rauchten. Als erstes musste ein Fehlverhalten gefunden werden. Sollte der geneigte Leser jetzt das Bedürfnis haben, eine Tüte Popcorn aus der Küche zu holen, so sei gesagt, so spannend wird es jetzt auch nicht, aber eine kurze Pause täte aktuell bestimmt gut. 

Der Grund der Klage war eine Anzeige des Kaufhauses M. Conitzer & Söhne, in der ein reinleinenes Tischtuch für 2 Mark fünfzig angeboten wurde. Der Verein hatte festgestellt, dass es sich nur um ein halbleinenes Tischtuch handelte und die Maße falsch angegeben waren, und es unmöglich sein könne das Tischtuch für diesen Preis anzubieten. Der Verein zweifelte öffentlich an, dass “die Firma M. Conitzer & Söhne wirklich die denkbar günstigste Gelegenheitsposten zum Ankauf von Aussteuer- und Ergänzungswäsche bietet?” (Vergl. Abb. 7).


M. Conitzer & Söhne Tischtuch Anzeige

Abb 7: M. Conitzer & Söhne (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 14.07.1910, Seite 4

Bereits am nächsten Tag reagierte das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne und erwiderte auf die „Angriffe des Vorstands des hiesigen Detaillisten-Vereins.“ (vergl. Abb. 8). In der Erwiderung bezieht man sich eindeutig auf die vorherige Anzeige des Detaillisten-Vereins: „Da der Vorstand des Detaillisten-Verbandes zugeben muß, daß unsere Preise enorm billig sind, so versucht er es, dem geehrten Publikum die Meinung aufzudrängen, die Qualität unserer Ware wäre nicht gut, um auf diese Weise das Publikum davor zu warnen, dort zu kaufen, wo es glaubt, am besten und preiswertesten bedient zu werden“.


Erwiderung M. Conitzer & Söhne

Abb. 8: M. Conitzer & Söhne (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 15.07.1910, Seite 4

Der Detaillisten-Verein gab nicht nach und versprach dem Publikum (vergl. Abb. 9) eine Klage gegen das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne einzureichen, da es „das hiesige Geschäftswesen von unlauterem Wettbewerb freizuhalten und Täuschungen des Publikums durch gesetzwidrige Reklame zu verhüten“ gelte. Was einmal geklappt hat, kann auch ein zweites Mal funktionieren.


Detaillisten-Verein Drohung 1910

Abb. 9: Detaillisten-Verein zu Coburg (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 16.07.1910, Seite 4

Die Antwort auf diese erneute Drohung kam prompt am nächsten Tag wie immer in der Coburger Zeitung (vergl. Abb. 10). In der Anzeige von M. Conitzer & Söhne erklärte die Firma, dass „die darin enthaltenen Ausführungen jeder Grundlage entbehren, also vollständig auf Unwahrheiten beruhen und lediglich dem Konkurrenzneid entspringen“ würde. Es war schon provokant eine Anzeige für „Conitzer‘s Wäsch- und Aussteuertage“ darunter zu setzen und den Preis für reinleinene Tischdecken noch weiter auf 2,15 Mark zu reduzieren. Warten wir also gespannt auf die Auflösung.


M. Conitzer & Söhne Reaktion 1910

Abb. 10: M. Conitzer & Söhne (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 17.07.1910, Seite 4

Akte 4: Die Auflösung

Die Klage des Detaillisten-Vereins gegen das Kaufhaus Conitzer wurde am 15.03.1911 in Coburg und am 04.10.1911 durch das Urteil des Oberlandesgerichts Jena abgewiesen (Abb. 11 und [6]).


Urteil 1911

Abb 11: M. Conitzer & Söhne (1911) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 07.10.1911, Seite 4

Endlich konnten sich alle Bürger in Coburg entspannen und sich voll und ganz auf das Einkaufen im Kaufhaus M. Conitzer & Söhne oder den anderen Detaillisten konzentrieren.

Epilog

Am Ende hat sich das Kaufhaus gegen die Detaillisten in Coburg durchgesetzt. Man kann nur hoffen, dass alle von der Belebung der Innenstadt profitiert haben, ob es auch Verlierer gab, lässt sich auf die Schnelle nicht prüfen. Die Eröffnung des neuen Kaufhauses M. Conitzer & Söhne wurde in der Coburger Zeitung geradezu euphorisch gefeiert (vergl. [5]). Auf jeden Fall im Vergleich zum Schweigen zur ersten Eröffnung des Kaufhauses. Aus dem Artikel in der Coburger Zeitung möchte ich nur den letzten Satz zitieren: „Es kann und darf nicht geleugnet werden, daß mit der Herstellung des Baues ein Unternehmen für Coburg geschaffen wurde, daß mit der Großstadt konkurrieren kann, das Coburg zur Ehre gereicht; in diesem Sinne beglückwünschen wir die Geschäftsleiter, die Herren Max Frank und Adolf Friedländer. “

Abbildungen

  1. M. Conitzer & Söhne Eröffnung (1903) [Anzeige], in:Coburger Zeitung, 10.09.1903, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001141_00923_u001?page=4, [Zugriff 03.02.2026]
  2. G. Stupe Nachfolger (1903) [Bekanntmachung], in: Coburger Zeitung, 8.12.1903 S.4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001141_01289_u001?page=,4 [Zugriff 03.02.2026]
  3. M. Conitzer & Söhne (1903) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 09.12.1903, Seite 4, Link:_ https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001141_01293_u001?page=,1 [Zugriff 03.02.2026]
  4. Detaillisten-Verein zu Coburg (1903) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 11.12.1903, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001141_01305_u001?page=4
  5. M. Conitzer & Söhne (1904) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 15.03.1904, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001143_00275_u001?page=4,[Zugriff 08.02.2026]
  6. M. Conitzer & Söhne [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 08.03.1910, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001148_00239_u001?page=4,5 [Zugriff: 06.02.2026]
  7. Detaillisten-Verein zu Coburg (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 14.07.1910, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001148_00717_u001?page=4 [Zugriff 03.02.2026]
  8. M. Conitzer & Söhne (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 15.07.1910, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001148_00721_u001?page=4 [ Zugriff 03.02.2026]
  9. Detaillisten-Verein zu Coburg (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 16.07.1910, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001148_00717_u001?page=4 [Zugriff 03.02.2026]
  10. M. Conitzer & Söhne (1910) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 17.07.1910, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001148_00729_u001?page=4,5, [Zugriff 03.02.2026]
  11. M. Conitzer & Söhne (1911) [Anzeige], in: Coburger Zeitung, 07.10.1911, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001149_01119_u001?page=4 [Zugriff 03.02.2026]

Quellen:

  1. Coburger Zeitung, 17.05.1903, Seite 2, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001141_00499_u001?page=2 [Zugriff 08.02.2026]
  2. Regierungs-Blatt für das Herzogtum Coburg, 06.06.1903, Seite 4, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00024156_00213_u001?page=4 [Zugriff 08.02.2026]
  3. Wikipedia Spitalgasse 19, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Spitalgasse_19_(Coburg) [Zugriff 06.02.2026]
  4. Coburger Zeitung, 14.02.1904, Seite 2,  Link: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/ZGO4MYFPXS4WTFBOHKL3K5LHDHPTYSD6?query=Conitzer&issuepage=2 [Zugriff: 06.02.2026]
  5. Coburger Zeitung, 09.03.1910, Seite 2, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001148_00245_u001?page=2,3 [Zugriff 08.02.2026]
  6. Coburger Zeitung, 17.03.1911, Seite 2, Link: https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb00001149_00279_u001?page=2,3&q=Klage [Zugriff 08.02.2026]

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